Mit der Zunge kann man sich Krankheiten einfangen oder sie übertragen.

Mit der Zunge kann man sich Krankheiten einfangen oder sie übertragen.

Foto: Solominphoto / Freepik

T. verstand überhaupt nichts mehr. Gerade hatte ich zum Vorspiel-Klassiker „Blowjob“ ansetzen wollen, forderte dafür aber ein Kondom. „Willst du wirklich an einem Gummi lutschen?“, fragte er. Sowas mache doch niemand. Ohne Sperma keine Krankheiten, wisse man doch. Und im Mund schon gar nicht. 

T. ist mit seiner Meinung nicht allein. Genau genommen ist er Teil einer Mehrheit, für die orale Verhütung keine Rolle zu spielen scheint. Wann immer ich mit jemandem intim werde, erlebe ich diese Irritation. Und es hatte auch noch nie jemand ein Problem damit, mich zu lecken, ohne sich dabei zu schützen. Ist ja schließlich nur Muschisaft. 

Wir alle wissen, dass STI (also sexuell übertragbare Krankheiten, vom Englischen „Sexuall Transmitted Infections“) wie zum Beispiel HIV und Geschlechtskrankheiten wie etwa Feigwarzen beim Sex übertragen werden können. Wir lernen es im Aufklärungsunterricht in der Schule, wir lesen es in den Zeitungen, wir sehen es auf Plakatwänden: Immer Kondom benutzen! Denn Sperma und Blut können hochinfektiös sein.  

Sex ist aber nicht nur Penetration, nicht nur Orgasmus. Er ist auch sich aneinander reiben, blasen, lecken, sich selbst anfassen und dann wieder den anderen. Sperma spielt in diesen Augenblicken noch gar keine Rolle (und bei lesbischem Sex auch später nicht) und (Menstruations-)Blut ist ohnehin in den seltensten Fällen im Spiel. Umso mehr dafür die Flüssigkeiten, die wir bei Erregung absondern. Schließlich können sowohl Penisse als auch Vulven beim Vorspiel ganz schön feucht werden. Auch in diesen Säften sind, im Falle einer vorliegenden Infektion, Kranktheitserreger enthalten. In einer geringeren Konzentration zwar als in Sperma oder Blut, aber ihre Existenz lässt sich nicht leugnen. Darum ist auch der Koitus Interruptus oder „Nur mal gaaaanz kurz ohne Gummi reinstecken“ eine absolut beschissene Idee. 

Gelangen diese Krankheitserreger nämlich auf unsere Schleimhäute, können sie übertragen werden. Das gilt auch für den Mund- und Rachenraum. In der Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) „Sexuell übertragbare Infektionen – Erkennen. Behandeln. Sich schützen.“ steht: „Mit manchen sexuell übertragenen Infektionen kann man sich leider auch beim Oralsex (Sex mit dem Mund) anstecken. Dieses Risiko ist jedoch sehr gering.“ Wie gering das Risiko tatsächlich ist, steht da leider nicht. Dass es existiert, hingegen schon.

Manche HPV-Erreger können im Mund Feigwarzen verursachen, andere Rachenkrebs

Zumindest in einer Angelegenheit, der Schlimmsten nämlich, gibt die Deutsche Aidshilfe Entwarnung: „Beim Oralverkehr (...) gibt es praktisch kein HIV-Risiko, denn die Mundschleimhaut ist sehr stabil. Selbst wenn Sperma oder Menstruationsblut in den Mund gelangt, ist das Übertragungsrisiko sehr gering – weltweit sind nur wenige Fälle beschrieben worden, in denen es dadurch zu einer HIV-Infektion kam.“  Auch wenn niemand von uns einer dieser seltenen Fälle werden möchte, vermute ich, dass wir auf die Einschätzung der Aidshilfe vertrauen können.

Umso besorgniserregender ist, dass auf ihrer Website detailliert erläutert wird, welche STI auch oral übertragen werden können (so ziemlich alle) und wie die Symptome dann aussehen. Beispiele gefällig? Manche HPV-Erreger können auch im Mund Feigwarzen ausbilden, andere sorgen erst Jahre später für Rachenkrebs. Syphilis, die gerade wieder auf dem Vormarsch ist, macht auch im Mund Geschwüre. Oralen Tripper erkennt man kaum, weil er leicht als Erkältung fehldiagnostiziert wird. Und manchmal zeigen Infizierte auch einfach gar keine Symptome – können die Krankheit aber trotzdem an ihre Sexualpartner übertragen.

Die BzgA schlägt in ihrer Broschüre vor, im Falle von sichtbaren Hautveränderungen lieber mit dem Oralsex zu warten. „Außerdem kannst du auch beim Oralsex Kondome oder Dental Dams (Lecktücher) verwenden“, steht da. Lecktücher. Kennt die eigentlich jemand? Ich selbst hörte zum ersten Mal mit Mitte zwanzig an der Uni davon. Und das auch nur, weil ich zufällig im Seminar „Feministische Sex Wars“ saß, als eine queere Frau ihre Sex-Utensilien zum Anschauen mitbrachte. Da zeigte sie uns auch die dünnen Tüchern aus kondomähnlichem Material, die man über die Vulva legen kann, bevor jemand seinen oder ihren Mund dort einsetzt. Die meisten, die die BzgA-Broschüre in die Hand nehmen (und in erster Linie richtet sie sich an Jugendliche), werden also nur „Hä?“ denken, wenn sie das Wort „Lecktücher“ lesen. Wenn sie überhaupt irgendetwas denken. Wo das Risiko doch so gering ist.  

Im Sexualkundeunterricht liegt der Fokus klar auf Penetrationssex

Aber was lernen Jugendliche heute eigentlich dort über orale Verhütung, wo sie ganz offiziell aufgeklärt werden: in der Schule? Nichts. Die Gemeinschaftsschullehrerin Maren Bergschneider (29) erklärt: „In Berlin kommt Sexualkunde in der siebten bis achten Klasse dran. Natürlich sprechen wir da über Verhütung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten, aber der Fokus liegt in dieser Hinsicht klar auf Penetrationssex.“ Oralverkehr sehe der Rahmenlehrplan auch gar nicht erst vor. „Für die Schüler ist das in diesem Alter noch kein großes Thema. Wenn sie mal Fragen dazu stellen, dann meist im Zusammenhang mit Homosexualität. Ansonsten werden solche Spielarten erst später interessant“, sagt sie.  

Und was passiert später? Später nehmen wir ungeschützt Genitalien in den Mund und damit ein Krankheitsrisiko in Kauf. Gehen auf Sexpartys, wo zwar massig Kondome ausliegen, aber kein einziges Lecktuch. Oder machen uns wie neulich eine Kollegin von Zeit Campus auf die Suche nach Verhütung für lesbischen Sex und verzweifeln daran. 

„Man kann selbst vom Küssen krank werden“, antwortete der leichtfsinnige T. auf meine Ausführungen und er hat recht. Nichts im Leben kann man ausschließen, selbst Kondome und Lecktücher bieten keinen hundertprozentigen Schutz vor Krankheiten. Aber wir sollten sie verdammt nochmal trotzdem benutzen, genau so, wie wir uns beim Autofahren anschnallen. Denn jedes Risiko lässt sich minimieren. 

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