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Collage: Daniela Rudolf

Die Anforderungen

Am Tag trage ich etwa 300 Mass raus, das ist aber gar nicht so viel. Am schnellsten geht es mit zwölf Mass pro Gang, ich schaffe aber auch problemlos 15. Das sind gut 30 Kilo. Manche trainieren vor der Wiesn mit Masskrügen voll Wasser – vor allem Neulinge, um das Feeling zu bekommen. Ich bereite mich nicht speziell darauf vor, mache aber generell viel Sport. Man braucht eine gewisse Fitness für den Job. Und man muss den psychischen Stress aushalten können, vor allem wenn das Zelt den ganzen Tag voll ist und man nur am Raustragen ist. Dann kümmern wir uns in unserem Bereich um circa 50 Gäste gleichzeitig. Je schwächer man körperlich mit der Zeit ist, desto schwächer wird auch die Psyche. Aber jeder Tag geht vorbei. Auch wenn die Wiesn mit 18 Tagen ziemlich lang ist. Danach schlafe ich erst mal zwei Tage durch. Dann läuft es wieder einigermaßen.

Der Weg

Auf der Wiesn arbeite ich dieses Jahr zum zweiten Mal. In den vergangenen sechs Jahren habe ich aber auch schon auf kleineren Volksfesten gearbeitet – im Jahr auf bis zu fünf verschiedenen. Wenn man einmal drin ist und gut gearbeitet hat, empfehlen einen die Leute weiter. So kommt man vom einen Fest zum nächsten. Bei der Wiesn muss man auch ein bisschen Glück haben. Man schreibt da ganz klassisch eine Bewerbung. Außerdem gibt es ein kurzes Bewerbungsgespräch, bei dem man auch einmal Masskrüge zusammenstellen muss, damit die Chefs sehen, dass man das schon mal gemacht hat.

Mich haben sie gleich genommen und ich habe sogar direkt eine Box zugeteilt bekommen. Die meisten, die bei uns arbeiten, würden alles für einen Platz in der Box geben. Durch die reservierten Tische kann man sicher sein, dass den ganzen Tag jemand kommt. Da sind auch richtig gute Reservierungen dabei, die ordentlich auf den Putz hauen. Und je mehr man verkauft, desto mehr verdient man auch.

Die Kollegen

Die größte Motivation für den Job ist das Geld – man bekommt auf jedem Volksfest in kurzer Zeit ziemlich viel davon. Bei kleineren Festen wie in Straubing ist das Klima aber auch super, da macht es einfach Spaß zu arbeiten. Viele Kollegen treffe ich nur auf den Festen. Nach einem Jahr freue ich mich dann immer sehr darauf, die wiederzusehen. In meiner Box auf der Wiesn arbeiten lauter Freunde von mir, mit denen ich zum Teil auch schon bei anderen Festen zusammengearbeitet habe. Das sind eher Freunde als nur Kollegen, das macht es ein bisschen leichter.

Mit den Leuten an der Schenke oder denen, die die Kasse kontrollieren, muss man dagegen oft erst mal warm werden. Wenn die einen dann mal kennen, ist es im Zelt aber sehr familiär. Nur in Straubing gab es mal einen Oberschankkellner, der schon bei Kleinigkeiten richtig ausgerastet ist und die Leute angeschrien hat. Eine gewisse Hierarchie gibt es da schon. Ein Streitpunkt mit den Schankkellnern ist, dass die Massen manchmal deutlich schlechter eingeschenkt sind – vor allem am Wochenende. Das ist für die Festwirte natürlich bare Münze und sicher kein Versehen. Und wir müssen es ausbaden, wenn wir das Bier an die Tische bringen. Da ist es wichtig, dass man mit den Gästen gut kann.

Die Gäste

Ich bin ein sehr freundlicher Kellner. Manchmal haben es die Gäste aber nicht verdient, freundlich bedient zu werden. Wenn ich zum Beispiel in die Runde frage, ob noch jemand ein Bier mag, sich keiner meldet und dann doch noch einer eins will, wenn man das eine bringt und das immer so weiter geht, regt mich das auf. Das sind alles unnötige Wege. Oder auch Leute, die kein Trinkgeld geben, weil sie meinen, dass die eingerechneten 98 Cent Bedienungsgeld pro Mass ausreichen. Das ist aber kein Trinkgeld, sondern unser Lohn. Ich sage den Leuten auch mal direkt, wie sie sich zu verhalten haben. Meistens funktioniert es dann auch.

Die angenehmsten Gäste sind die, die selber Gastro-Erfahrung haben. Die kennen die Abläufe und wissen, wie viel man rennen und schleppen muss. Am anstrengendsten sind die Möchtegern-Schnösel, die meinen, auf dicke Hose machen zu müssen und dann auch noch wenig Trinkgeld geben. Die sind oft wie unerzogene Kinder und quengeln wegen jedem Blödsinn. Besoffene können natürlich auch unangenehm werden, aber das sehe ich entspannt. Solange mich niemand vollkotzt, ist alles cool. Nur in Cham hatten wir mal eine krasse Schlägerei. Da hat sich ein ganzes Rudel gebildet und mit Masskrügen aufeinander eingeschlagen. Dass Leute um- oder mit dem Gesicht in den Masskrug fallen, ist ganz normal.

 

Man muss aber sagen, dass der Job für Männer leichter ist als für Frauen. Als Kellnerin wird man ständig von besoffenen Typen angemacht. Wo man eine klare Linie ziehen muss, ist, wenn sie anfangen, einen anzufassen. Gerade alte Männer meinen oft, sie müssten den jungen Kellnerinnen an den Hintern fassen. Wenn sowas passiert, ziehe ich denjenigen raus und der kommt auch nicht mehr rein.

 

Der Wiesn-Alltag

 

Entweder man arbeitet an allen 18 Tagen oder gar nicht. Es gibt einen Schichtplan und jeder ist für einen bestimmten Bereich zuständig. Meistens haben wir nur kurz Pause, einmal am Tag aber eine Stunde lang. Die späte Schicht beginnt vormittags um elf, geht bis zum Schankschluss und danach müssen wir noch aufräumen. Ich bin dann meistens nachts um zwölf daheim. Wenn ich danach heim komme, falle ich nur noch ins Bett oder trinke höchstens noch ein Feierabendbier.

 

Vor oder nach meiner Schicht gehe ich oft Freunde in anderen Zelten besuchen. Ab und zu gehen wir auch nach Feierabend noch zusammen weg. Auf der Wiesn feiere ich aber deutlich weniger als auf anderen Festen – am nächsten Tag wäre ich einfach zu fertig. Bedauerlicherweise trinkt man bei so einem Fest trotzdem relativ viel Alkohol. Ein Weizen zwischendrin, um runterzukommen, wenn man blöde Gäste hat, ist Gold wert. Meine zwei bis drei Weizen am Tag brauche ich schon fast, weil man die Leute am Schluss sonst überhaupt nicht mehr packt.

 

Das Geld

 

Man bekommt keinen Stundenlohn, sondern für jeden Artikel, den man verkauft, circa zehn Prozent Provision. Das Trinkgeld macht aber am meisten aus. An einen Tisch, der viel Trinkgeld gibt, geht man daher auch eher hin. 12 Euro pro Mass, also 1,30 Euro Trinkgeld, halte ich für angemessen. Als Kellner mehr zu erwarten oder absichtlich falsch rauszugeben, finde ich unverschämt. Insgesamt verdiene ich in den 18 Tagen gut 10.000 Euro. Da ist schon alles abgezogen, also auch Unterkunft und Verpflegung. Die Box ist aber auch mit der lukrativste Arbeitsort auf der Wiesn. Im Schiff, also dem Bereich in der Mitte der Zelte, sind es schätzungsweise 7.000 bis 9.000 Euro. Draußen im Garten ist es eher noch weniger – wenn es regnet und niemand kommt, verdient man auch nichts. Ich habe schon von Leuten gehört, die nur 3.500 mit nach Hause genommen haben und von anderen, die es auf über 20.000 gebracht haben.

 

Auch das Zelt macht einen Unterschied. In manchen Zelten gibt es nur Bier, keinen Schnaps oder Champagner. Da haben die Kellner deutlich weniger Umsatz als wir. Über den Verdienst sprechen wir mit den anderen fast gar nicht, weil das ungute Stimmung provoziert. Ich finde es aber gerechtfertigt, dass man mehr Geld bekommt, wenn man mehr zu tragen hat.

 

Unser Protagonist möchte anonym bleiben, weil er fürchtet, nächstes Jahr sonst nicht wieder auf der Wiesn arbeiten zu dürfen. Der Redaktion ist sein richtiger Name aber bekannt.

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