job kolumne 2
Illustration: Katharina Bitzl

Wir werden an dieser Stelle in Zukunft junge Menschen vorstellen, die seit einem Jahr arbeiten. Wir fragen sie, welche ihrer Erwartungen an den Beruf sich erfüllt haben - und was ein Jahr arbeiten mit ihnen gemacht hat. Haben sie noch viel Zeit für ihre Freunde?  Sehen sie einen Sinn in ihrer Arbeit? Machen sie es wegen des Geldes? Oder weil die Eltern es vielleicht wollten?  

Den Anfang macht Caroline Agricola. Sie wollte eigentlich Medizin studieren, die Ausbildung zur Hebamme sollte am Anfang nur die Wartezeit überbrücken. Seit einem halben Jahr ist die 24-Jährige fertig und an einer Klinik in Hamburg angestellt, sie hat mehr als 120 Geburten mitbekommen und kann sich mittlerweile keinen besseren Beruf mehr vorstellen. Auch wenn es ein paar Schattenseiten gibt.  

Der Weg

Mit 16 wollte ich die Ausbildung schon einmal beginnen, fühlte mich dann aber zu jung. Ich habe ja selbst keine Kinder, wie soll ich da erwachsenen Frauen erklären, was sie tun sollen, dachte ich damals. Trotzdem blieb die Idee seitdem in meinem Hinterkopf.

Ursprünglich wollte ich nach dem Abitur Medizin studieren, in Deutschland ist das ohne Einser-NC aber praktisch unmöglich. Ich hab dann erst mal ein Praktikum bei einer Hebamme gemacht und dort meine erste Geburt miterlebt. Das war der Wahnsinn: Ein Gefühl wie verliebt sein, es hat richtig im Bauch gekribbelt, als das Kind auf die Welt kam. Ich bin heute noch immer wieder erstaunt über dieses Wunder, dass plötzlich so ein fertiger kleiner Mensch da ist, der die Augen öffnen, atmen und schreien kann.

Der Medizinwunsch ist dann ein bisschen in den Hintergrund gerückt und ich habe mich für eine Ausbildung an einer Berufsschule beworben. Dafür muss man mindestens 18 Jahre alt sein und ein zweiwöchiges Praktikum in der Geburtshilfe absolviert haben. Das ist durchaus sinnvoll, schließlich sollte man wissen, ob man eine Geburt tatsächlich mitansehen kann, bevor man drei Jahre Ausbildung antritt.

Wir hatten abwechselnd vier Wochen Theorie und dann sechs Wochen Praxis. Während der Ausbildung durchläuft man alle Stationen, die nur im Entferntesten mit Kindern zu tun haben: Kreißsaal, Wochenstation, OP, Geburtshaus, Kinderintensivstation, aber auch Erwachsenenpflege. Das ist praktisch, weil das später alles Berufsfelder sein könnten, in denen man arbeitet. Am Ende ist die Prüfung neben dem Theorieteil und anderen Aufgaben natürlich eine Life-Geburt, was schon ein bisschen komisch für alle Beteiligten ist. Bei mir lief es aber ziemlich gut, ich hatte in der Ausbildung auch schon knapp 70 davon mitbekommen. Trotzdem bleibt es ein Beruf, in dem man nie auslernt, weil jede Geburt anders ist.

Die Wirklichkeit

Es war ein kleiner Schock, nach dem Theorieteil zum ersten Mal im Krankenhaus zu arbeiten, wo plötzlich Praxis gefragt ist und du als Auszubildende ganz unten in der Hackordnung stehst. Neues Wissen anzuwenden ist nicht immer leicht, wenn überall mit „das haben wir schon immer so gemacht“ argumentiert wird. Auch wenn die Praxis dort vielleicht nicht auf dem neusten Stand ist, hältst du bei diesen starren Hierarchien dann eher den Mund. Manchmal war ich so eingeschüchtert, dass ich mich nicht mal getraut habe, mich in langen Schichten hinzusetzen.

Bei der Ausbildung stehst du unter enormem Druck. Körperlich und psychisch. Du musst in Situationen, wo es um Leben und Tod geht, schnell reagieren und Entscheidungen treffen, da bleibt oft kein Platz für Mitspracherecht. Von sechs Auszubildenden in dieser Klinik bin nur ich bis zum Ende dabei geblieben. Aber es hat sich gelohnt. Nach dem ersten Jahr hatte ich mir genug Vertrauen erarbeitet, um Geburten allein begleiten zu dürfen. 

Auf das Kuschen hätte ich trotzdem gut verzichten können. Von manchen Kollegen wurde ich drei Jahre lang nicht beim Namen genannt und war nur „die Auszubildende“. Ich hatte erwartet, dass Hebammen selbstlos und nett sind und gut im Team zusammenarbeiten, aber es wurde überdurchschnittlich viel gelästert und aufeinander rumgehackt, vielleicht ein Krankenhausphänomen.

Jetzt ist das anders. Als fertige Hebamme werde ich ganz anders wahrgenommen und fühle mich sehr wohl im Team. Das ist auch super wichtig bei so einem intensiven Beruf. Wenn bei Geburten etwas schief geht, sind das Erlebnisse, die mich oft mit nach Hause begleiten und da ist es gut, nicht allein zu sein. Die positiven Gefühle überwiegen aber. Oft komme ich den Familien näher als die meisten Verwandten. Und im Kreißsaal ist die ganze Menschheit vertreten, jedes Alter, jede Bevölkerungsgruppe, alle möglichen Familienkonstellationen. Ich arbeite buchstäblich am Leben.

Arbeiten in der Nacht

Man verliert ein bisschen das Gefühl für die Woche im Schichtdienst. Anfangs fand ich es irgendwie gruselig, mitten in der Nacht das Haus zu verlassen und arbeiten zu gehen, während meine Mitbewohner selig schlafen. Aber man gewöhnt sich an den Rhythmus. Die Arbeitsbedingungen sind extrem. Manchmal muss ich bis zu vier Frauen gleichzeitig betreuen, dann fühle ich mich eher wie eine Veranstaltungsplanerin, die organisieren muss, wann wo was passiert. Der Kreißsaal ist ein eigenes Biotop. Ich darf die Pausen nur im Pausenraum verbringen – für den Fall, dass irgendwo nebenan die Wehen einsetzen. Bis heute weiß ich nicht, wo die Kantine im Krankenhaus ist.

Aber die körperlichen Strapazen werden emotional total entlohnt, ich gehe wirklich gern zur Arbeit. Am schönsten ist es, wenn ich bei einer Geburt gar nichts machen muss und die Frau ihr Kind ganz allein auf die Welt bringt. Das ist die eigentliche Kunst: nichts zu tun. Und im richtigen Moment zu wissen, was die Frau gerade braucht. Man sollte Empathie empfinden können, ohne Mitleid zu haben. Manchmal hilft ein schärferes „du schaffst das“ mehr als 1000 gut gemeinte Worte.

Das Privatleben

Durch die Schichtarbeit gibt es natürlich Partys, die ich verpasse oder Tage, an denen ich sehr müde bin. Mittlerweile habe ich aber auch viele Freunde, die selbst im Schichtdienst arbeiten und dann passt sich das ganz gut an. Als Partner würde ich mir aber lieber jemand mit geregeltem Alltag wünschen, damit man sich im Ernstfall nicht komplett verpasst. Die Scheidungsrate bei Schichtdienstpaaren soll angeblich auch sehr hoch sein.

In der Ausbildung braucht man eh nicht auf Pärchenbildung zu hoffen: In ganz Deutschland gibt es nur drei männliche Entbindungshelfer. Auch sonst ist es für mich eher schwierig, über die Arbeit jemanden kennenzulernen. Man kommt kaum aus dem Kreißsaal raus und da sind ja nur die Väter, die sind genauso tabu wie die Gynäkologen.

Dann ist da noch die Sache mit den eigenen Kindern: Eine Frau hat mich mal gefragt, ob ich bei den ganzen Geburten überhaupt noch ans Kinderkriegen denken kann. Klar kann ich das! Jede Geburt ist anders und es würde mir beruflich sicher auch noch mal eine andere Perspektive geben.

Wie viel verdient eine Hebamme?

Das Gute: Während der Ausbildung bist du in einer Klinik angestellt und wirst bezahlt. Im Krankenhaus verdiene ich 1600 Euro netto. Ich würde gerne freiberuflich arbeiten, so kann man sich für einzelne Frauen mehr Zeit nehmen. Es gibt aber auch Nachteile: Beleghebammen verdienen zwar mehr, müssen sich aber auch selbst versichern und ständig Aufträge suchen. Da gibt es auch nicht so klare Arbeitszeiten, weil man praktisch immer abrufbar bleiben muss. Im Krankenhaus habe ich immer irgendwann Feierabend und kann nach Hause gehen. Außerdem lerne ich hier mehr, der Durchlauf ist größer.

Die Reaktion auf Partys

„Oooooh“ ist immer die erste Reaktion. Die Leute haben scheinbar großen Respekt vor dem Beruf. Und Babys findet eben jeder süß. Vielen ist vielleicht nicht bewusst, wie hart der Job sein kann. Gutes Small-Talk-Thema sind auch unsere „Best of Babynamen“, die Leute sind da echt kreativ. Meine Favoriten: Luna Regenbogen, Dakota Gisela und Tailor Jedi Ritter.

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