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2796 Euro brutto für die Krankenschwester

Miriam, 25, arbeitet seit drei Jahren im Klinikum Fürth. Ein harter Job – für Körper und Kopf.
Protokoll von Annalena Sippl
  • job cover krankenschwester
    Foto: privat; Collage: Daniela Rudolf

Die Motivation

 

Krankenschwester zu werden war wirklich die beste Entscheidung meines Lebens: Es macht mich immer wieder glücklich, wenn Menschen das Krankenhaus gesund verlassen können. Vor allem dann, wenn es ihnen anfangs sehr schlecht ging und eine Besserung sehr unwahrscheinlich war. Auf der anderen Seite erlebt man sogar in den traurigen Momenten viel Schönes. Die Reaktionen mancher Angehöriger von sterbenden oder verstorbenen Patienten sind beeindruckend. 

 

Trotz ihrer eigenen Trauer sind viele so dankbar für unsere Hilfe. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen uns nur Tage nach dem Tod ihres Angehörigen besuchen und uns einen Kuchen, Süßigkeiten oder Geld für die Kaffeekasse mitbringen. Ich erinnere mich an eine Frau, deren Mann bei uns auf der Station gestorben ist. Sie sagte, dass sie nie vergessen werde, was wir für sie getan haben. Zum Beispiel einfach mal die Hand halten, einfach da sein.  Durch meinen Beruf habe ich gemerkt, wie dankbar man eigentlich dafür sein kann, dass man gesund ist. Es gibt so viele Menschen, die schlimme Schicksale durchleiden. Im Alltag rege ich mich deshalb nicht mehr sinnlos über Banalitäten auf, ich lebe einfach intensiver.

 

Die Ausbildung

 

Auf einer Skala von eins (= habe ich im Schlaf gemacht ) bis zehn (= stand kurz vor dem Burnout) gebe ich meiner Ausbildung eine fünf bis sechs. Sie dauert insgesamt drei Jahre und gliedert sich immer in zwei verschiedene Blöcke: drei Wochen Schule, dann wieder drei Wochen Arbeit im Krankenhaus. Diesen Wechsel fand ich schon anstrengend, denn nach Feierabend mussten wir zusätzlich noch lernen. Aber es war alles machbar.

 

Am dritten oder vierten Tag meiner Ausbildung ist das erste Mal ein Patient auf meiner Station gestorben. Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen. Das hat mich bestimmt drei Monate lang verfolgt, ich war sehr geschockt. Die damaligen Schwestern haben mit mir viel darüber gesprochen – das hat geholfen. Auch heute ist es natürlich nie Routine, wenn jemand stirbt. Noch immer ist es schwer, aber mittlerweile lege ich nach der Arbeit meinen Kittel ab und lasse das Erlebte im Krankenhaus zurück. Sonst hält man es ja nicht aus. Geweint wird auf Station selten. Tränen fließen eher in Momenten, in denen wir überfordert sind. 

 

Der Stress

 

Wir arbeiten in einem Dreischichtsystem, es gibt Früh-, Spät- und Nachtschicht. Das ist natürlich anstrengend. Nach dem Nachtdienst habe ich oft Schlafprobleme, obwohl ich eigentlich hundemüde bin. Dafür habe ich aber einen Trick: Ich höre mir ganz langweilige Hörspiele über Technik an. Wenn der Sprecher eine sehr monotone Stimme hat, bin ich ganz schnell weg.

 

In einer Schicht arbeiten wir immer zu zweit, außer nachts, da ist man alleine. Tagsüber gibt es noch Zwischenschichten, die uns helfen, die rund 32 Patienten auf unserer Station, der  Gefäß- und Bauchchirurgie, zu versorgen. Manchmal rennt man ganz schön, es gibt solche und solche Tage. Unser Arbeitspensum hängt eben auch stark davon ab, wie fit die Patienten sind. Eng wird es, wenn viele Patienten gleichzeitig Hilfe brauchen, das Telefon im Stationszimmer ständig klingelt und dann auch noch das Abendessen kommt – alles auf einen Schlag.

 

Patienten, die sich nicht an Behandlungsvorschriften halten, bringen mich auf die Palme. Das kommt zum Beispiel bei starken Rauchern vor, die sich trotz der verordneten Bettruhe nach draußen schleichen. Ich erkläre ihnen dann, dass das lebensgefährlich ist, weil sie verbluten könnten – manche machen es trotzdem. Schlimm ist es auch, wenn Patienten eine Diagnose erfahren. Bei uns auf Station werden viele Amputationen vorgenommen, dann muss zum Beispiel das ganze Bein ab, bis zum Oberschenkel. Das ist natürlich hart.

 

Die dementen Patienten brechen mir oft das Herz: Sie kennen sich im Krankenhaus nicht aus, vermissen ihre Angehörigen und weinen deshalb völlig verzweifelt. In solchen Fällen versuchen wir alles, damit es ihnen besser geht. Wir setzen sie zu uns ins Stationszimmer, lenken sie ab oder versuchen, den Partner oder die Kinder zu erreichen.

 

Wer Interesse am Beruf hat, sollte sich von der ganzen Debatte um den Pflegenotstand nicht abschrecken lassen. Da ist natürlich was dran, doch die Arbeit ist trotzdem schön. Wenn sich gar keiner mehr traut, dann werden wir auch nicht mehr.

 

Der typische Arbeitstag

 

Wenn ich Frühschicht habe, klingelt mein Wecker zwischen 4:15 Uhr und 4:30 Uhr. Dienstbeginn ist zwar erst um 6 Uhr, aber ich habe noch eine Stunde Fahrt vor mir. Auf Station machen wir zuerst Übergabe – wer ist neu, was ist passiert, was ist zu beachten? Anschließend gehe ich von Zimmer zu Zimmer, messe die Vitalzeichen und den Blutdruck und sehe nach unseren Patienten. Danach findet die Visite der Ärzte statt, bei der wir Schwestern mitgehen. Bei den Mahlzeiten helfe ich den Patienten, die nicht selbstständig essen können. Nach dem Frühstück beginne ich mit dem Waschen. Ich muss Wunden frisch verbinden, bei inkontinenten Patienten die Schutzhosen wechseln, manche umlagern oder auf Operationen vorbereiten – das volle Programm.

 

Blut oder irgendwelche Ausscheidungen gehören dazu, das hat mich noch nie gestört. Erbrochenes finde ich schon etwas unangenehmer. Nebenbei wartet noch viel Schreibkram, wir müssen Abläufe und Änderungen ständig dokumentieren. Zwischendrin gibt es natürlich eine Pause. Das Krankenhausessen ist übrigens gar nicht so schlecht, wie immer alle sagen. Es schmeckt zwar manchmal etwas fad und ungewürzt, aber schon gut.

 

Punkt 14:12 Uhr ist meine Schicht eigentlich vorbei, wenn man mit Menschen arbeitet, kann man allerdings nicht immer pünktlich gehen. Aber mein Chef achtet darauf, dass wir die Überstunden abbauen können.

 

Das Geld

 

Ich verdiene brutto 2796 Euro. Das ist nicht wenig Geld, wobei ich schon finde, dass es für Wochenend- und Feiertagsarbeit und das Dreischichtsystem etwas mehr sein könnte, denn der ständige Wechsel zwischen den Schichten ist natürlich anstrengend. 

 

Die Zukunftspläne

 

„Warum bist du denn keine Ärztin geworden, sondern ‚nur‘ Krankenschwester?“ Diese Frage höre ich immer wieder – oft auch von Patienten. Dabei will ich ganz ehrlich nicht Ärztin werden, denn sie behandeln Krankheiten und operieren. Die Menschen zu waschen, zu pflegen und zu lagern – das mache ich wirklich gerne. Dabei kann man die Stimmung eines Menschen mit wenig Aufwand verbessern, beispielsweise durch ein duftendes Schaumbad oder eine gemütliche Liegeposition.

 

Ich bewundere die Schwestern, die 60 Jahre alt und noch immer voll dabei sind. Unsere Arbeit geht auf den Rücken und auf den Kopf. Vielleicht wäre ein berufsbegleitendes Studium eine Option für mich, denn eigentlich kann ich mir das Krankenhaus schon als einen lebenslangen Arbeitsplatz vorstellen.

 

Die Klischees

 

Krankenhausserien wie „Grey’s Anatomy“ schaue ich zwar gerne, aber weniger aus medizinischem Interesse. Mit der Realität haben sie meist wenig zu tun. Im Fernsehen wird oft gezeigt, wie Ärzte Patienten nach einer Operation mobilisieren. Diese Bewegungsübungen sind allerdings eine typische Schwesternaufgabe. Und ja, klar gibt es Ärzte, die arrogant sind. Bei uns auf der Station sind die Mediziner aber super, sie schätzen unsere Arbeit und wir arbeiten auf Augenhöhe.

 

Zum Klischee der „sexy Krankenschwester“ fällt mir unsere Klinikkleidung ein. Die hat mit sexy wirklich überhaupt nichts zu tun: Das sind hochgeschlossene Hemden und Schlabberhosen. Alles andere wäre auch ziemlich unbequem.

 

Der typische Kommentar auf Partys

 

Wenn ich von meinem Job erzähle, höre ich meist Sätze wie, „Respekt, ich könnte das nie“ oder „Toll, dass du das machst“. Ich wiederum könnte niemals acht Stunden am Computer sitzen. Ganz selten hört man, dass ja jeder ein bisschen Pflaster kleben kann. Aber das ist wirklich eher die Ausnahme.

 

Ich habe schon das Gefühl, dass unsere Arbeit als sehr wichtig erachtet wird. Ich finde es aber sehr schade, dass die Altenpfleger gesellschaftlich viel weniger geschätzt werden, obwohl sie ähnliche Aufgaben erfüllen. Sie leisten genauso viel wie wir, wenn nicht sogar manchmal mehr. 

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