job kolumne musical cover
Foto: Rainer Wiesmüller, Grafik: jetzt

Der Traum

Schon als Kind war mir klar, dass ich Sängerin werden möchte. Das steht sicher schon im Jahrbuch meiner damaligen Schulfreundinnen. Ich habe im Kinderchor gesungen, Klavier- und Gesangsunterricht genommen. Ich nahm auch an Gesangswettbewerben teil. Mit der beginnenden Pubertät wurde mir das Stillstehen beim Singen zu langweilig und ich begann parallel dazu zu tanzen. So hat sich der Berufswunsch von Sängerin in Musical-Darstellerin umgewandelt.

Ich würde aber jedem empfehlen: Wenn man noch einen anderen Berufswunsch hat, sollte man lieber den ausüben. Denn wenn man diesen Weg gehen möchte, muss man es hundertprozentig wollen.

Der Weg

Das Diplomstudium „Musical“ dauert vier Jahre. Ich habe in Wien studiert. Die Schwerpunkte sind Tanz, Gesang und Schauspiel. Aber man hat auch Fächer wie Steppen, Sprechunterricht oder Musiktheorie, der Fokus liegt aber auf dem praktischen Unterricht. Es ist ein Vollzeitstudium. Man sollte aber auf jeden Fall schon davor etwas in die Richtung gemacht haben. Ich glaube nicht, dass man in vier Jahren plötzlich perfekt singen oder tanzen lernt. 

Der Arbeitsalltag

Alltag gibt es keinen, deshalb liebe ich diesen Beruf. Es kommt immer darauf an: Entweder ich probe für ein Stück, ich spiele mit in einem Stück oder ich habe Pause. Wenn ich probe, habe ich einen Probenplan. In manchen Theatern bekommt man den eine Woche vorher, bei anderen erst am Tag davor. Auf dem Probenplan steht, welche Szenen wann geprobt werden. Prinzipiell gibt es immer Rahmenzeiten. Aber wenn an dem Tag am Vormittag eine Szene geprobt wird, in der meine Rolle nicht vorkommt, dann habe ich vormittags frei und bin am Nachmittag dran. Ich versuche immer, mich auf die Proben vorzubereiten. Manchmal nehme ich die Lieder auf und höre sie mir vorher an. Oder ich schreibe mir die Korrekturen vom Regisseur nach der Probe auf und lese sie mir vor der nächsten durch.

Wenn ich abends spiele, schlafe ich meistens lang und gehe es eher ruhig an vor der Vorstellung. Außer ich probe vielleicht schon parallel für ein neues Stück. Die Spiel- und Probenpausen – im Moment habe ich zum Beispiel sechs Wochen Pause – fallen mir schwer, weil ich immer etwas tun will und nicht weiß, wohin mit meiner Energie. Also versuche ich in diesen Zeiten, viel zu trainieren, Gesangsunterricht zu nehmen, zu Castings zu gehen. Jetzt bereite ich mich gerade für das nächste Stück vor. Dass man musikalisch und textlich vorbereitet zur ersten Probe erscheinen soll, ist oft sogar vertraglich festgehalten.

Die Motivation

Ich habe immer wieder Momente, in denen mich das Ganze überwältigt und berührt – auch noch nach dem zwanzigsten Mal spielen. Dann komme ich auf die Bühne und bin richtig erfüllt, weil ich diese oder jene Szene, dieses oder jenes Lied richtig genieße. Dass ich das immer wieder erleben kann, motiviert mich am meisten.

Die Castings

Das Härteste an dem Job sind für mich auf jeden Fall die Castings. Die finde ich fast immer anstrengend und stressig. Oft fliege ich nach Deutschland oder innerhalb Österreichs nach Linz oder Salzburg. Das muss man alles planen. Wenn ich zum Beispiel nach Deutschland fliege, zahle ich den Flug und die Unterkunft selbst. Dann gehe ich zu einem Casting, bei dem 150 Frauen sind. Ich tanze und gebe alles und nach einer halben Stunde werden 100 Frauen weggeschickt. Das frustriert, wenn man eine von den Abgelehnten ist. Manchmal wird man zu den Castings, für die man sich beworben hat, nicht einmal eingeladen.

Auf Castings aufmerksam gemacht werde ich entweder über ein Online-Portal, ich bekomme E-Mails von meiner Schule oder ich erfahre über Kollegen, dass jemand für eine Produktion gesucht wird. Dann schicke ich meine Bewerbung hin, also meinen Lebenslauf inklusive der bisherigen Rollen und Produktionen, in denen ich mitgewirkt habe, und einige Fotos von mir. Wenn ich eingeladen werde, muss ich mich in einem Rundensystem behaupten: Meistens geht es in der ersten Runde ums Tanzen. Da werden schon einige ausgesiebt. Die nächste Runde ist dann meistens das Singen – je nach dem, was für die Rolle wichtig ist.

 

Die Konkurrenz

Die Konkurrenz ist hart, denn es gibt viele gute Darsteller und sehr viele Frauen. Aber das Konkurrenzdenken untereinander habe ich in der Ausbildung viel stärker erlebt als im Job: dass man den anderen eine Rolle nicht gönnt oder dass sie bei den Tanzklassen auf das nächsthöhere Level aufsteigen dürfen. Mich hat das aber nicht sehr belastet. Ich war nie eine von denen, die sich mit anderen messen. Ich versuche, mich mit mir selbst zu messen. Ich möchte jeden Tag besser sein als am Tag zuvor. Wenn man sich ständig mit anderen vergleicht – was sehr viele machen –, bringt einen das nicht wirklich voran. 

 

Das Lampenfieber

Ich habe eine kleine Routine aus Konzentrations- und Atemübungen, die ich vor Castings oder vor einer Vorstellung mache. Das trainiere ich auch immer im regulären Gesangsunterricht. Wenn die Aufregung kommt, kann ich mich damit beruhigen. Eine Premiere ist zum Beispiel mega aufregend: Obwohl ich das Stück davor vielleicht schon zehn Mal gespielt habe, vielleicht auch schon mit Publikum bei einer öffentlichen Generalprobe, bin ich bei der Premiere trotzdem immer im Premierenfieber. Aber die Aufregung gehört einfach dazu und ist ja auch etwas Schönes. Sie gibt einem viel Energie und man ist dadurch richtig konzentriert

 

Das Privatleben

Ich glaube, im Moment bin ich noch in einer Lebensphase, in der man den Job und das Privatleben gut vereinbaren kann: Ich habe keine Kinder, viele Freunde von mir studieren noch oder sind selbst Künstler – die treffe ich dann untertags, wenn ich am Abend arbeite. In der Partnerschaft braucht man den passenden Partner mit der passenden Einstellung zur Beziehung.

 

Natürlich gibt es Hürden mit der Arbeitszeit oder wenn man mal ein paar Monate nicht da ist. Aber bei meinem Verlobten und mir ist das ganz relaxt – wir nutzen die Tage, an denen wir beide frei haben. Wir nutzen die gemeinsame Zeit bewusster, gehen wandern, treffen Freunde.

 

Das Geld

Im Durchschnitt bekomme ich als Abendgage zwischen 200 und 500 Euro brutto pro Abend. Ziemlich oft bekommt man zum Beispiel auch Fahrtkosten bezahlt. Für die Probenzeit bekommt man eine Pauschale. Die darf ich leider nicht verraten – in meinen Verträgen ist immer Stillschweigen darüber vereinbart. Da ich noch relativ neu in dem Job bin, denke ich, dass man in ein paar Jahren mehr Abendgage bekommt, wenn man sozusagen schon einen Namen hat. Im Moment kann ich gut davon leben.

 

Seit ich mit der Ausbildung fertig bin, hatte ich laufend Engagements, bei denen ich fest angestellt war. Ich bin von Engagement zu Engagement am jeweiligen Theater angestellt und daher für diese Zeit auch dort versichert. Zwischen den Engagements muss man sich selbst darum kümmern, dass man versichert ist. So ist das zumindest in Österreich.

 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Die meisten fragen: „Wo spielst du gerade? Was spielst du gerade?“ Das ist zwar eine Frage, die ich gerne beantworte, aber ich stelle sie meinen Kollegen selbst nicht. Weil das hart ist, wenn man gerade nirgends spielt. Leute, die nicht aus der Branche sind, fragen auch: „Kann man davon leben?“ Oder: „Darf ich fragen, was man da verdient?“ Ich antworte dann: „Du darfst schon fragen, aber ich sage es dir nicht.“

Du bist unmusikalisch? Dann sind diese Jobs vielleicht eher was für dich: