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Lösch halt deine Apps!

Das ist ein Tipp, damit Konzerne nicht Milliarden mit deiner Aufmerksamkeit verdienen – aber leider nicht der beste. Über die Suche nach digitaler Selbstdisziplin.
Von Hakan Tanriverdi
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Foto: Juri Gottschall

Gern würde ich sagen, dass mich keine Schuld trifft. Dass es an den Tausenden Menschen liegt, die Hunderttausende Dollar im Jahr verdienen. Die all ihr Wissen, all ihre Ideen als Code aufschreiben, ihn testen, anpassen, veröffentlichen. Damit ich einen roten Knubbel auf meinem Smartphone sehe, ihn anklicke, die neue Version der App herunterlade, sie öffne, nicht sofort verstehe, was sich geändert hat, die App schließe, das Smartphone weglege, anfange, diese Sätze zu schreiben, das Smartphone doch wieder in die Hand ­nehme, weil der Bildschirm aufleuchtet, „Muss nicht jetzt sein“ denke, natürlich trotzdem nach rechts swipe, weil es zwar nicht sein muss, aber halt kann, kurz antworte, drei kleine Knubbel im Chat-Fenster aufhüpfen, ich also auf die Antwort warte, stattdessen aber Links kommen, ich sie öffne, haha, witziges Gif, und noch eins und so weiter und zehn Minuten später: Was ist eigentlich mit dem Artikel, den ich schreiben wollte?

Hier bin ich wieder. Das Handy leuchtet bei neuen Nachrichten jetzt den Boden an.

Es findet ein Wettrennen um unsere Aufmerksamkeit statt. Wir alle verlieren tagtäglich mehrere Male einen Kampf – an unseren Rechnern, auf unseren Smartphones, gegen die vielen Apps, die uns ­sagen: Hallo, das hier ist dringend. Oft ­genug ist es das nicht.

Im Silicon Valley sitzen gut bezahlte Menschen, die dafür arbeiten, dass wir ­Sekundenbruchteile länger mit ihren Produkten verbringen. „Das Internet ent­wickelt sich nicht zufällig“, sagt Tristan Harris, der als Ethiker bei Google arbeitete. Mittlerweile warnt er vor den Taktiken, die sein alter Arbeitgeber anwendet – wie der Rest des Silicon Valleys auch.

Dabei zählt jeder Wisch, jedes Fenster-­nach-unten-Ziehen, damit die Seite mit niedlichem Soundeffekt neu aufploppt, jedes Herz, jeder Kommentar, jedes noch so kurze „Hi, wie geht’s?“. Hauptsache, wir verbringen Zeit auf der Plattform, das ist das Wichtigste, denn das Smartphone in die Hand zu nehmen und zu öffnen, abgelenkt zu werden, das ist etwas, mit dem Konzerne Milliarden verdienen.

Mit unserer Ablenkung verdienen Konzerne Milliarden

Was für mich der Bruchteil einer Sekunde ist, ist für diese Konzerne der leichte Wind, der entsteht, wenn man einen unverschämt dicken Stapel Scheine durch die Geldzählmaschine rattern lässt, schließlich reden wir von Sekundenbruchteilen von ins­gesamt zwei Milliarden Menschen, im Fall von Facebook. Zu den erfolgreichsten Plattformen gehören – also tatsächlich ­direkt nach Facebook – Youtube, Messenger, Whatsapp, Wechat und Instagram. Youtube gehört zu Alphabet (aka Google), Wechat gehört nicht zu Facebook, der Rest schon.

Meine Ausrede am Anfang dieses Textes ist also keine Ausrede, nicht nur. Sie ist in Wahrheit ein Eingeständnis von Machtlosigkeit. Denn was kann ich, was können wir ausrichten gegen diese Übermacht der Netzgiganten?

Pro Tag schauen wir 150-mal auf unser Smartphone. Und das ist natürlich kein Problem, im Gegenteil. 

Mein Smartphone hilft mir, zu finden, was ich will. Oft genug ist das kein Mir-ist-langweilig-Hallo-Candy-Crush, sondern das Gespräch. Ich will mit Menschen reden, die mir nah sind, aber in einer anderen Stadt leben. Ich will eine Information, die mir hilft, mich freut, weiterbringt. Aber das ist nicht, was ich bekomme.

Stattdessen: eine Push-Nachricht, weil ich einem Gruppenchat hinzugefügt wurde. Eine Push-Nachricht, weil jemand mein Foto kommentiert hat. Eine Push-Nachricht, weil jemand gerade erst Instagram entdeckt. Eine Push-Nachricht, weil meine Eltern mir aus der Türkei schreiben. Eine Push-Nachricht, weil mir jemand auf Twitter folgt. Eine Push-Nachricht, weil es neue Serien auf Netflix gibt. Eine Push-Nachricht, weil Leute in der Nähe mal einen ­leckeren Cappuccino getrunken haben. Halt, was wollen mir meine Eltern sagen? ZU SPÄT! Da kommt schon die nächste Push-Nachricht!

All diese Pushes, sie haben auch mit Werbung zu tun, das ahnen wir. Denn ­damit verdienen Facebook und Google hauptsächlich ihr Geld. Sie bringen uns dazu, auf der Plattform zu bleiben, gehen dann zu Aldi, Nike und zum Buchladen um die Ecke: Guckt mal, die hängen ganz schön lange bei uns ab, diesen Monat fünf Sekunden länger. 

Wir sind nicht die Kunden, das wissen wir, wir zahlen keinen monatlichen Beitrag für soziale Netzwerke, das tun die Werbetreibenden, und die verfolgen uns mit ihren Anzeigen. Und selbst in Fällen, in denen diese Firmen keine Anzeigen schalten (Whatsapp) oder Geld verlangen (Net­flix), können wir beobachten, dass wir auch dort auf die gleichen Mechanismen treffen. Ein Mechanismus, den der Netflix-Chef Reed Hastings in einem ­na­türlich, Analysten-Call, also im Tele­fon­gespräch nach Bekanntgabe der Quartalszahlen – sehr schön beschrieben hat: „Wir kämpfen um die Zeit, die unsere Nutzer haben. Wir konkurrieren also mit Snapchat, Youtube, dem Schlaf und so weiter.“

 

Es ist diese Indifferenz uns gegenüber, die uns auffällt und über die Tim Wu, der als Dozent an der Columbia University in New York lehrt, viele schlaue Sätze geschrieben hat in seinem Buch The Attention Merchants, vor allem aber diesen: „Es ist schockierend, wie selten es für Aufmerksamkeitshändler notwendig gewesen ist, ihre schiere Reichweite zu verteidigen.“ Sie können tun und lassen, was sie wollen. Nirgendwo lässt sich das so gut beobachten wie auf dem Smartphone.                              

 

Wenn alles bleibt, wie es ist, werde ich dieses Spiel verlieren

 

Also: Wie will ich mich Menschen widersetzen, die erfolgreich Geld mit mir ver­dienen? Die sich auf „Habit Summits“ treffen (angeblich jedes Jahr ausverkauft), bei denen in Talks über Neurowissenschaft ­geredet wird und darüber, wie das mit dem ­„Design“ von Mitgefühl zusammenhängt. Menschen, die predigen, dass wir 95 Prozent aller Entscheidungen unbewusst ­treffen und täglich elf Millionen Infor­mationsschnipseln ausgesetzt sind. Menschen, die ihre minimalen Änderungen „an Millionen Nutzern testen, um zu ­verstehen, welche Änderungen wirken, ­welche nicht – welche Hintergrundfarben, Bilder und Audiotöne das Engagement ­fördern“, wie Adam Alter in seinem Buch Irresistible schreibt, in dem er sich mit der Industrie beschäftigt, die daran arbeitet, uns zu ­ködern.

 

Es ist einfach: Wenn alles bleibt, wie es ist, werde ich dieses Spiel verlieren. Mein Smartphone und ich, das ist wie ein Mensch, der sich vor einen Automaten setzt und schon weiß, dass er heute Münzen in Schlitze schieben wird und nicht Scheine in die Brieftasche, und trotzdem immer weiterzockt. Bei den neueren Modellen, die 1200 Spiele die Stunde packen, geht es längst nicht mehr um Gewinnen oder Verlieren, sondern um das Ritual an sich. Hauptsache, du spielst. So einen Glücksspielautomat schleppen wir mit uns herum - und es wird Zeit, dass wir lernen, wie wir dann doch ein paar Münzen für uns behalten können.

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Foto: Juri Gottschall

Tristan Harris, der ehemalige Google-­Ethiker, verwendet sehr gern die Casino-Metapher. Studien zeigen, dass Spieler eine Schmerzgrenze kennen: Verlieren sie nonstop, stoppen sie. Deshalb präsentieren Casinos zwischendurch Erfolge. Die Spieler verlieren den Überblick. Sie zocken an modernen Geräten 15 Partien parallel, zu je zehn Cent. 14 verlieren, eine gewinnen sie. Für sie springt raus: ein Euro. ­Ausgegeben haben sie: 1,50 Euro. 50 Cent Miese. Aber die Lichter blinken, es fühlt sich an wie ein Sieg.

 

So ist es, wenn wir unser Smartphone öffnen, sagt Harris. Jede Menge Inhalt, viel davon nicht zu gebrauchen. Hin und wieder ein schönes Foto, ein tolles Event, eine super Party, eine wichtige Notiz, also genau das, was ich eigentlich suche. Ich ­komme wieder. 

 

Harris lernte bei B. J.  Fogg. So wie ­„einige der erfolgreichsten App-Designer“, wie die Literaturzeitschrift New York ­Review of Books es zusammenfasste. Zum Beispiel Mike Krieger, Mitgründer von Instagram, und Nir Eyal, dessen Buch Hooked als ­Blaupause für moderne Apps gilt (Unter­titel der deutschen Ausgabe: Wie Sie Produkte ­erschaffen, die süchtig machen). Eyal beschreibt dort das Prinzip der „andauernden Routine“. Der Einfachheit halber: Das ist das Casino, nur mit ein paar ­Updates. Wer also ist dieser Fogg?

 

Das Verhalten von Menschen lässt sich steuern

 

Er gründete das Persuasive Technology Lab an der Stanford University. Er hatte gemerkt, dass Menschen mehr Zeit mit Computern verbringen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese ihnen bei der ­Arbeit helfen. Daraus leitete er seine Philosophie ab. Das Verhalten von Menschen lässt sich steuern – mit oder ohne Technik, Tag für Tag. Menschen, die sich gesund ernähren wollen, können damit anfangen, sich jeden Tag einen Apfel auf den Frühstückstisch zu stellen. Gehört das erst einmal zur Routine, kommt der nächste Schritt – bis man in den Apfel beißt.

 

Fogg erkannte, dass diese Art der ­Beeinflussung problematisch sein würde, und schrieb bereits 1997: „Wann und wie genau solche Überzeugungen sinnvoll und ethisch sind, daran muss geforscht und darüber muss diskutiert werden.“ Und ­diese Diskussion führen wir erst jetzt, erst langsam.

 

Man muss den App-Entwicklern keine bösen Absichten unterstellen. Krieger von Instagram arbeitete unter Fogg an ­einem Programm, das gute Laune verbreiten sollte. Verschick Sonnenlicht hieß es. Zwei Freunde, bei einem scheint die Sonne, beim anderen regnet es. Also verschickt der eine die Sonnenstrahlen. Wirklich nett gemeint also, heute wirkt es fast schon gemein anlässlich all der Urlaubsfotos, die ich mir so reinziehe, selbst aber früh ins Bett muss, weil morgen Frühschicht ansteht. 

 

Ich könnte die Apps löschen. Aber ich will nicht verzichten müssen. 

 

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um kurz über Zwang zu reden: Na, dann lösch halt die Apps! Die Lösung scheint einfach – am Ende ist es doch meine Schuld. Ich könnte doch, wenn ich wollte. Einfach die App gedrückt halten und dann auf das X klicken. Weg sind die Apps und damit ­meine Probleme.

 

Aber genau darum geht es: Ich will nicht verzichten müssen. Ich will mit den Menschen reden, ich will mit ihnen in Kontakt bleiben, und das geht am besten über diese Apps. Es ist ja der Wahnsinn, all diese Möglichkeiten. Mal ganz von den sozialen Zwängen abgesehen, dass Chefs einem sowohl eine SMS schreiben als auch eine ­E-Mail, weil wer weiß schon genau, was ich zuerst checke. Viele der Kritiker, die „Digital Detox“ empfehlen, also Wochenenden in den Bergen ohne Apps, bieten keine ­Lösung an, sondern nur eine temporäre Flucht. Sie suggerieren Kontrolle und Einfluss, verschweigen aber, dass das Leben digital ist. Es gibt einen Logout-Knopf, klar – aber danach halt nur noch sehr ­wenig Leben.

 

Genau das ist ebenfalls der Wahnsinn. Dass es allen bewusst ist, gerade den Konzernen, und sie dennoch so wenig ­Updates liefern, die uns helfen. Glück­licherweise tun sie es ein wenig. Wir ­können ein kleines bisschen Kontrolle ausüben. Ich könnte die „Do Not Disturb“-Funktion einschalten. Es kommen nur noch Anrufe durch von Leuten, die mir wichtig sind (die muss ich festlegen). Ebenfalls wichtig: der Nachtmodus. Er regelt die Helligkeit des Bildschirms, ersetzt ihn durch wärmere Farben. Denn der Bildschirm ist taghell, wenn ich ohne Nachtmodus abends noch im Bett durch Instagram scrolle, denkt mein Gehirn, dass die Sonne noch scheint. Das stört den Schlaf.

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Foto: Juri Gottschall

Ich könnte mein Smartphone aufräumen. Keine App schafft es auf meinen Hauptbildschirm, es sei denn, ich nutze sie für Orga-Kram. Bei mir: Kalender, Maps, Notizen. Außerdem Apps, die ich nur öffne, wenn ich sie brauche, nicht weil sie blinken und so tun, als würde ich sie brauchen: Fotos, vielleicht noch Podcasts. Alle anderen Apps werden in Ordnern versteckt, die roten Knubbel deaktiviert. Das zwingt mich dazu, die Apps einzeln zu öffnen – und nicht weil es eine neue „Nachricht“ für mich gibt („Jens ist Messenger beigetreten“, „Es ist fünf Monate her, seitdem du dein Profilbild hochgeladen hast“). Ich entscheide nicht mehr aus Langeweile, mal auf Instagram vorbeizuschauen.

 

In Apps von sozialen Netzwerken, die ich häufig nutze, könnte ich die Pushes so einstellen, dass ich nur bei einer Nachricht direkt an mich alarmiert werde. Das hilft, aber zeigt auch, wie limitiert die Kontrolle ist, die ich ausüben kann. Denn auf Whatsapp gibt es keine Funktion, zu sagen: „Ich will bitte nur den wichtigen Kram.“ Gruppen-Chats mit 100+ Nachrichten in fünf Stunden: sehr oft sehr unwichtig. Und Facebook könnte erkennen, dass ich einer Person Tausende Nachrichten geschickt habe, der anderen nur fünf. Facebook könnte das für mich ­regeln. Aber für Konzerne, die uns locken wollen, gelten diese Regeln nicht. 100 Nachrichten sind 100 Pushes sind 100 Köder. Also wird beides gleichwertig behandelt. Wir verlieren viel öfter, als wir gewinnen, aber bei der einen Nachricht darüber, dass der gute Freund sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, yes, da haben wir uns gefreut, das wollten wir wissen.

 

Mehr Apps könnten eine Snooze-Funktion einbauen, so wie die Chat- und Arbeits-App Slack sie besitzt. Wir teilen der App mit, dass wir nicht gestört werden wollen. Will uns jemand eine Nachricht schreiben, bekommt der oder die angezeigt, dass wir gerade chillen beziehungsweise beschäftigt sind und nur ungern eine Push-Meldung bekommen wollen. Wie dringend ist es denn? Sehr? Okay, dann kommt die Meldung durch – und ich weiß, dass es wichtig und gerechtfertigt ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist deutlich besser als Apps, die uns den Zugang zu den Plattformen komplett blockieren, aus Selbstschutz.

 

Fogg, der Mann aus Stanford, sagte in einem Interview mit dem Economist, dass es ihm darum gegangen sei, Menschen von der Abhängigkeit von Techno­logie zu befreien. Wenn er sich anschaue, was einige seiner früheren Studenten aus seinen Ideen entwickelt hätten, frage er sich, ob sie versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen oder nur Geld zu verdienen. Er selbst ist mit seinen Ideen übrigens nicht so reich geworden wie seine Schüler.

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