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Frauen müssen lernen, weniger brav zu sein!

Denn sie sind eigentlich in allem besser als die Männer – bekommen aber die schlechteren Jobs.
Von Charlotte Haunhorst
rebelliert cover
Illustration: Katharina Bitzl

Mir fällt keine Frau ein, die von der Schule geflogen ist. Ich kenne nicht mal eine, die sitzen geblieben ist. Meine Freundinnen haben eigentlich alle ein Einser- oder Zweierabitur, danach haben sie Medizin, Jura, BWL, Lehramt oder Was-mit-Medien studiert. Nur eine hat ihr Studienfach einmal gewechselt, die hat auch jetzt noch Probleme, den Abschluss zu schaffen. Alle anderen haben es durchgezogen, in Regelstudienzeit, mit guten Noten. 

Das alles ist kein Zufall. Unser Schul- und Studiensystem belohnt die Fleißigen und Angepassten. Schon als kleine Mädchen bekommen Frauen deshalb zu hören, sie sollten brav sein, nett zum Lehrer, bloß keinen Ärger machen. Dafür werden sie, zumindest kurzfristig, belohnt: Frauen in Deutschland schließen Schule und Studium besser ab als Männer. Sie sind sozialkompetenter, seltener kriminell und nehmen weniger Drogen. Ginge alles mit rechten Dingen zu, hätten meine Freundinnen und ich also glorreiche Karrieren vor uns. Faktisch werden wir, wie alle Frauen in Deutschland, durchschnittlich 21 Prozent weniger Lohn bekommen als die Männer. Wir werden nicht Vorstandsvorsitzende, der Frauenanteil lag da 2017 bei 6,9 Prozent. Vermutlich werden wir nicht mal Chef. In Führungsetagen generell liegt der Frauenanteil seit mehreren Jahren unter 30 Prozent.

Was meine Freundinnen und ich dafür sehr wahrscheinlich werden: Mütter – nur jede fünfte Frau bleibt kinderlos. Und sehr viel häufiger arm im Alter als die Männer. Weil wir wegen der Kinder zusätzlich bei der eh schon schwer zu erreichenden Karriere zurückstecken. Mit Mitte 40 haben Frauen in Deutschland durchschnittlich sechseinhalb Jahre weniger gearbeitet und in die Rente eingezahlt als Männer. Wer dann im Alter keinen reichen Versorgermann hat, hat ein Problem. Deprimierende Aussichten. Man könnte jetzt ausführlich analysieren, inwiefern die Gesellschaft und das seit Jahrhunderten bestehende Patriarchat daran schuld sind, und man würde gute Argumente finden. Will ich aber gar nicht, haben andere schon ausreichend bespiegelt. Ich will auch nicht behaupten, die Frau sei selbst an allem schuld – wir sind hier ja nicht bei der AfD. Was man aber doch fragen muss, weil ja eben doch alles zusammenhängt: Liegt das alles vielleicht auch an uns Frauen? Sind wir einfach immer noch zu brav? 

Ich war brav, hatte gute Noten und war damit vor allem: unauffällig

Wenn ich überlege, welche Frauen mich dazu inspiriert haben, mehr vom Leben zu fordern als ein Einfamilienhaus mit Carport und einen sicheren Job, muss ich lange nachdenken. Ich komme dann – und das traue ich mich fast gar nicht zu schreiben – irgendwo zwischen der britischen Feministin Laurie Penny und Angela Merkel raus. Penny, weil sie zur richtigen Zeit das für mich prägende Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ geschrieben hat, in dem sie einem einfach permanent um die Ohren haut, wie scheiße es ist, als Frau immer gemocht werden zu wollen. Und dass der einzige Weg zur echten Gleichberechtigung ist, anderen (in diesem Fall: Männern) Privilegien wegzunehmen. Dafür wird einen kein Mann mögen, egal wie nett man das verpackt. Angela Merkel wiederum, weil sie in Deutschland die erste Frau mit echter Macht ist, an die ich mich erinnern kann. Keine „Ich ziehe die Fäden im Hintergrund, damit die Jungs sich nicht bedroht fühlen“-Macht.

Sondern eine offensichtliche, für die sie ziemlich viele Männer köpfen oder in die zweite Reihe verweisen musste. In der Dokumentation „Die Unerwartete“ über Merkel, wirken viele dieser Männer noch schwer beleidigt – und beeindruckt. Das für sich zu reflektieren ist wichtig. Denn natürlich wurde auch ich gleichberechtigt erzogen. Mir wurde von meinen Eltern gesagt: „Du kannst alles genauso gut wie die Jungs!“ Es hat nur nichts gebracht. Ich war brav, nett und fleißig. Hatte gute Noten, mit 24 einen guten Studienabschluss und tolle Arbeitsreferenzen. Und damit war ich vor allem: unauffällig. Wie jede andere Uniabsolventin auch. Wie man mal aneckt, hat mir eben nie eine Frau erklärt – und auch nicht vorgelebt.

 

Manchmal sagte man mir: „Schreib mal einen Text, der Leute ärgert.“ Oder: „Sag in der Gruppe ruhig, was du bescheuert findest.“ Leider kam das nie von Frauen, sondern ausschließlich von Männern. Ich fand das anfangs schlimm, ich wollte ja gemocht werden. Bis ich in einem Praktikum so lange von allen Kollegen entweder ignoriert oder mit Fleißaufgaben zugeschüttet wurde, bis ich nachts um eins heulend nach Hause ging, ohne dass auch nur unter einer gedruckten Zeile am Ende mein Name stand. Und natürlich mir die Schuld dafür gegeben habe. Ich habe dann das erste Mal in meinem Leben überlegt, etwas hinzuschmeißen. Und dieser eigentlich lächerlich kleine rebellische Gedanke fühlte sich ziemlich gut an. Stattdessen bin ich wütend geworden. Richtig wütend.

 

Und habe angefangen, die Kollegen und ihre Arbeit zu kritisieren, weil mir ihre Meinung einfach völlig egal war. Ich habe mich unbeliebt gemacht – und wurde auf einmal respektiert. Plötzlich wollte man mit mir zu Mittag essen und meine Meinung hören. Später hat man mir sogar einen Job angeboten. Den wollte ich dann aber nicht. Natürlich ist das eine männliche Denkweise. In einer idealen Welt würden die Fleißigen und Netten genauso respektiert wie die Rebellinnen. Sie würden den Chefposten angeboten bekommen, ohne ihn fordern zu müssen. Was für Frauen immer noch die größte Hürde ist, weil es in ihren Augen wirkt, als würde man sich selbst für supertoll halten. Das könnte jemand blöd finden. Also lieber lassen. Aber in so einer fairen Welt leben wir nun mal noch nicht. Damit es irgendwann dazu kommt, müssen Mädchen und Frauen das Rebellieren und Sich-unbeliebt-Machen lernen.

 

Das beginnt schon in der Schule. Ein Mädchen, das dem Lehrer widerspricht, darf keine „Zicke“ mehr sein, während der Junge ein „Philosoph“ ist. Eine Studentin, die ihren Professor kritisiert, darf nicht automatisch als Querulantin gelten. Vielleicht hat sie ja einfach recht. Damit sich dieses Wissen allerdings auch überall durchsetzt, müssen junge Frauen rebellieren. Den Mund aufmachen und auch mal Nein sagen, wenn von ihnen wieder nur Liebsein gefordert wird. Damit die Frauen sich das trauen, brauchen sie Vorbilder. Frauen, die nicht den geraden Weg gegangen sind. Ja, vielleicht sogar Schul- und Studienabbrecherinnen. Menschen, die sich getraut haben, etwas zu tun, das nicht allen gefallen hat. Und das auch in ihre Lebensläufe schreiben. Es liegt also auch an meiner, der vielleicht letzten braven Generation, das vorzuleben. Wobei ich da eigentlich ganz optimistisch bin.

 

Zwar sind die Lebensläufe der Praktikantinnen, die sich bei uns in der Redaktion so bewerben, immer noch sehr viel schöner und fehlerfreier als die der Jungs. Aber wenn man sie im Vorstellungsgespräch fragt, was sie an der redaktionellen Arbeit kritisieren würden, fällt allen etwas ein. Und auch in Konferenzen sagen Frauen Anfang 20 bereits sehr viel häufiger ihre Meinung, als ich mich das in dem Alter getraut hätte. Ich bewundere sie dafür ein bisschen. Hoffe aber, dass sie es genauso an die Generationen nach uns weitergeben. Denn wenn dann eines Tages diese jungen Frauen oder Menschen wie meine Freundinnen auf den Chefsesseln der Republik sitzen, ist immer noch Zeit, um die Netten und Fleißigen zu befördern, die von sich aus nie gefragt haben. Das wäre dann unsere eigene Form der Rebellion. 

 

 

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