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„Ich lasse die Leute schimpfen“

Lernen von den Alten: Christl Estermann, Wirtin des „Löwenstüberls“ beim TSV 1860 München.
Interview von Christian Helten
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    Foto: Helten

jetzt: Als Wirtin des TSV 1860 München, der aus der zweiten in die vierte Liga abgestiegen ist, hatten Sie es zuletzt nicht leicht. Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Christl Estermann: Schimpfen. Ich schimpfe und lass die Leute schimpfen. Das braucht man dann. Nur so beruhigt man sich  und kann fürs nächste Spiel Hoffnung schöpfen.

Sind Sie als Wirtin auch eine Art Psychiaterin für die Fans?

Ich muss hinter ihnen stehen, wenn sie traurig vom Spiel heimkommen, ich muss sie aufmuntern. Eine gute Wirtin ist auch eine Bezugsperson.

Wie wurden Sie Wirtin hier?

Ich hatte in der Nähe eine Pilsstube, das „C2“. Das war ein Treffpunkt, wir hatten oft bis um drei Uhr auf, und da kamen auch die ganzen Spieler, von 1860 und von Bayern. Die haben sich ­übrigens gut vertragen. Und dann sagte der 1860-Präsident Wildmoser: „Komm doch rüber zu uns.“ Die Spieler von früher besuchen mich übrigens immer noch.

Stellen Sie einen Unterschied fest zwischen den Spielern von ­früher und denen von heute?

Die Jüngeren haben eine andere Einstellung. Die spielen für 1860 und stehen zu ihrem Verein, aber die sind nicht so eng ­damit verbunden. Das Familiäre, das wir damals hatten, das gibt’s so nicht mehr.

Die Spieler von heute kommen nicht mehr zu Ihnen ins Stüberl?

Nicht so oft. Aber früher hat ja der Trainer Werner Lorant veranlasst, dass die Mannschaft bei mir Schinkennudeln isst, bevor sie mit dem Bus zum Spiel fuhr. Das gehörte für die dazu. Die Jüngeren ziehen sich heute mehr zurück.

Der ehemalige Präsident Dieter Schneider sagte mal: „Die Christl ist Kult.“ Wie wird man Kult?

Dass die Leute mich so mögen und akzeptieren, freut mich und spornt mich an. Und mein Stüberl ist halt das erste, was man sieht, wenn man hier auf dem Trainingsgelände ankommt. Deshalb bin ich Anlaufstelle für jeden, vom Fan bis zum Platzwart und Trainer. Alle wollen mit mir reden oder ein Foto machen. Ich glaube: Wo sich was rührt, wo man was erfährt, da zieht es die Menschen hin. Die wollen wissen, wer was macht, wer was denkt, wo es hingeht. Und wenn viele Leute zu mir kommen, krieg ich halt viel mit. Und deshalb kommen noch mehr Leute, und ich krieg noch mehr mit.

Hat Ihr Kultstatus auch damit zu tun, dass Sie als eine der wenigen in all dem Hin und Her bei 1860 immer geblieben sind?

In meiner Zeit hier hab ich jetzt etwa 23 Trainer erlebt, glaube ich. So eine Konstanz ist für die Leute wichtig.

Muss ein neuer Trainer bei Dienstantritt eigentlich auch bei ­Ihnen vorsprechen?

Ich sag mal: Wenn einer Anstand hat, stellt er sich bei mir vor. Das gehört sich so, finde ich.

Wissen Sie dann gleich, ob das was wird mit diesem Trainer?

Dafür habe ich mit der Zeit schon ein gutes Gefühl bekommen.

Dann bitte mal eine Prognose für den aktuellen Trainer.

Daniel Bierofka ist ein großes Vorbild. Weil er eine strenge Hand hat, aber auch immer mal ein Zuckerl gibt. Er weiß, wann er streng sein muss und wann er ihnen auch Freiheit geben kann.

Finden Sie das auch außerhalb des Fußballs wichtig?

Natürlich. Niemand kann zu seinen Angestellten immer nur streng sein. Man muss ihnen auch Raum lassen, die Dinge so zu machen, wie sie es richtig finden. Schauen Sie, die Leute wollen oft schon ein Ziel vorgegeben kriegen und gesagt bekommen, wie es laufen soll. Aber wie sie das erreichen, das wollen und ­sollen sie auch manchmal selbst bestimmen. Der Mensch möchte das Gefühl haben, ernst genommen zu werden.

Haben junge Fußballer heute zu wenig Freiheiten?

Früher hatten sie auf jeden Fall mehr. Wobei, beim Lorant nicht. Einmal bin ich nach einem Auswärtsspiel hier angekommen, um vier Uhr in der Früh. Und auf dem Platz draußen war Licht an. Da hab ich mich gefragt: Was ist denn hier los?

Und, was war los?

Er hat die Mannschaft laufen lassen. Weil sie schlecht gespielt hatten. Gleich nach der Ankunft vom Auswärtsspiel, raus aus dem Bus und Laufeinheit.                                                                                                            

Was ist das Wichtigste, das Sie vom Leben gelernt haben?

Es gibt zwei Kategorien: Falsche und richtige Menschen. Und die muss man unterscheiden lernen. Man muss lernen, zu ­erkennen, ob es einer ernst mit einem meint oder ob er einen verarschen will. Und wenn das der Fall ist, sollte man versuchen, diese Menschen zu meiden. Beziehungsweise entscheiden können, wem man einen Arschtritt verpassen muss und wen man lieber meidet.

Letzte Frage: Was ist das Geheimnis Ihrer Schinkennudeln? Die haben ja Legendenstatus.

Ja, deswegen kommen heute immer noch Spieler von früher. Aber da gibt es kein Geheimnis. Die schmecken einfach gut. Wichtig ist nur: Man muss sie gut anbraten. Und Ei muss unbedingt rein.       

Keine Schinkennudeln, aber weitere Weisheiten: