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Eine Extraportion Politik, bitte!

Warum wir Demokratie anders lernen müssen.
Von Friedemann Karig / Protokolle von Anna Farwick
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    Illustration: Katharina Bitzl

Mein Gemeinschaftskundelehrer hieß Herr Banholzer. Er war schlau, streng und gefürchtet. Er fragte jeden Morgen: „Wer hat die Zeitung gelesen?“ Mein Finger hob sich. Er sagte: „Der Sportteil zählt nicht.“ Mein Finger sank. Kein Finger blieb oben. Herr Banholzer sagte: „Gute Nacht, Deutschland.“ So fingen Schulstunden an, in denen wir auf unsere Existenz als Staatsbürger einer Demokratie vorbereitet werden sollten. Maximal zwei Stunden die Woche. Maximal drei Jahre lang. Ist lange her.

Aber heute, wo wir wie vielleicht noch nie über Demokratie, ihren Zustand, über Politikfrust und -müdigkeit besonders unter jungen Leuten diskutieren; wo nur noch 62 Prozent der jungen Deutschen Demokratie für die beste Staatsform halten; wo mit der AfD eine in Teilen demokratiefeindliche Partei in den Bundestag eingezogen ist – heute denke ich oft an Herrn Banholzer. Er kommt mir vor wie ein Don Quichotte, der die Windmühlen des Unwissens beharkte, während um ihn herum die Panzer der Gleichgültigkeit auffuhren. Und ich frage mich: Wie lernt man eigentlich Politik? Kann man Demokratie wirklich in der Schule lernen? Und wenn ja, wie? 

Junge Leute aus sozial schwachen Vierteln wissen nicht mehr, warum sie wählen sollen

Das kommt natürlich stark darauf an, wo man nach Antworten sucht. Ende August fuhr ich in den Münchner Norden, in den Stadtteil Am Hart, wo die Wahlbeteiligung 2013 am allerniedrigsten war. Dort sprach ich mit ein paar jungen Menschen, die bald zum ersten oder zweiten Mal wählen dürfen. Die meisten hatten keine Lust drauf. „Was macht das schon für einen Unterschied?“, sagt Dennis, 19 Jahre alt. „Die Politiker haben sowieso keine Macht. Das sind nur Marionetten.“ So wie ihm geht es viel zu vielen. Die Wahlbeteiligung erreicht bei den unter 30-Jährigen ihren niedrigsten Stand. Kein Indikator verrät so treffsicher, ob jemand wählen geht, wie das Alter. Scheinbar verstehen gerade junge Leute, und besonders junge Leute aus „sozial schwächeren“ Stadtvierteln nicht mehr, warum sie wählen gehen sollten. Die politische Bildung scheint bei ihnen versagt zu haben.

Professor Robert Vehrkamp von der Bertelsmann Stiftung beschäftigt sich schon seit ein paar Wahlen mit diesem ­Problem. Der Direktor des Programms „Zukunft der Demokratie“ hat mehrere Studien veröffentlicht über Nichtwähler und die soziale Spaltung unserer Demokratie. Wie erreicht man solche wie Dennis, bevor sie keinen Bock mehr haben, Herr Dr. Vehrkamp? „Einerseits in den Schulen. Hier kann in Schülermitverantwortung und anderen Projekten erfahren werden, dass Mitbestimmen etwas bringt.“ Das sei fast wichtiger als die reine Vermittlung von Wissen über die Regeln der Demokratie. „Das Problem ist, dass solche Projekte an genau den Schulen funktionieren, wo ­sowieso alle wählen gehen.“ Um Schüler wie Dennis früh genug und quer durch alle Schulen zu erreichen, plädieren Vehrkamp und viele andere Experten vehement für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. „Ich habe auch 60-jährige Bekannte, bei denen man diskutieren könnte, ob die informiert genug sind, um zu wählen“, sagt er. „Aber nur bei den 16-Jährigen ängstigen wir uns, dass sie etwas falsch machen könnten.“

Und wenn die Jugendlichen nur früh und greifbar genau lernen würden, was Demokratie für eine super Sache ist, dann würden sie sie auch mögen, ist sich Vehrkamp sicher. Egal, aus welchem Eltern­haus sie kommen.

Demokratie an der Schule, da denke ich an die gute alte SMV, die Schülermitverantwortung an meinem Gymnasium damals. Es wurden SMV-Teams gewählt und Schülersprecher. Das hat was Streberhaftes, aber irgendwie war es auch spannend. Man konnte quasi Kanzler der Schüler werden. Und hatte dann Zugang zu den langweiligen Fragen (Brauchen wir mehr Fahrradständer? Wer hält die Rede beim Schulfest?) als auch zu den spannen­deren.

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    Florian Leiser, 21, ist Erstwähler. Er studiert BWL und ging in Baden-Württemberg aufs Gymnasium. Seine Eltern haben beide eine Ausbildung gemacht.

     

    „Wie unsere Politik funktioniert, habe ich erst so richtig verstanden, als mich Leute während meines Afrikaaufenthalts gefragt haben, wie denn Demokratie bei uns funktioniert. Ich hatte keine verständliche Erklärung. Das war mir peinlich, da habe ich mich anschließend ausgiebig informiert. Bei uns gab es das Fach Politik nicht. Wir hatten ab der siebten Klasse bis zum Abi Gemeinschaftskunde, eine Kombi aus Politik und Wirtschaft. Wir haben da die Wahlsysteme der EU-Länder durchgenommen, auch Deutschland. Gut dran erinnern kann ich mich nicht mehr. Der Unterricht war immer gleich: Einer hat ein Referat gehalten, die anderen haben abgeschaltet. Ich glaube, das Problem war einfach, dass wir das Besprochene nicht für wichtig genommen haben. Das Wissen brauchten wir im Alltag nicht. Damals hatte ich andere Dinge im Kopf.“

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    Laura Klinner, 19, hat ihr Abitur in Brandenburg gemacht, ihre Eltern sind Akademiker, sie wählt zum ersten Mal. Aktuell studiert sie Lehramt.

     

    „Ich habe Politische Bildung in der Oberstufe abgewählt, weil es mich einfach nicht interessiert hat. Ich hatte von der fünften bis zur zehnten Klasse das Fach Politische Bildung. Wir haben im Unterricht das deutsche politische System und die EU durchgenommen. Ich habe aber nicht gelernt, was politische Richtungen sind. Ich weiß, wofür welche Partei steht, aber was konservativ, liberal oder so bedeutet, musste ich nachgucken. Die Lehrkraft hat mir überhaupt nicht gefallen, und es war alles langweilig. Der Unterricht hat mich einfach nicht mitgenommen. Ich fühlte mich aber vor der Wahl schon gut vorbereitet. Ich habe mich noch über die Parteien schlaugemacht, aber wie das alles funktioniert, das wusste ich schon. Die Medien bringen ja auch gut rüber, was die Parteien und die Regierung gerade so machen.“

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    Julian Thimm, 18, macht eine Lehre zum Fleischer. Er hat einen Hauptschulabschluss und besucht jetzt die Berufsschule in Nordrhein-Westfalen.

     

    „Ich wusste bis kurz vor der Bundestagswahl nicht, ob ich wählen gehe. Ich fand es einfach unnötig und hatte keinen Bock. Ich habe nicht gewählt, bevor ich 18 war. Warum sollte ich es jetzt tun? Ich bin mir schon bewusst, dass das nicht gut ist, aber mir ist das halt egal. Normalerweise hätte ich auf der Hauptschule in der achten und neunten Klasse Politik haben sollen. Aber der Unterricht ist fast immer ausgefallen. Es gab einfach nicht genug Lehrer. Selbst wenn jemand da war, war die Lehrkraft vollkommen überfordert mit uns, und wir haben nichts gemacht. 

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    Carina Bäurle, 23, ist die Erste aus der Familie, die ein Abi gemacht hat und studiert. Sie wählt zum zweiten Mal und ist in Nordrhein-Westfalen zur Schule gegangen. 

     

    „Ich traue mir nicht zu, jemandem zu erklären, wie unsere Wahl funktioniert. Vor der Wahl hat mich das gestört, aber sobald sie vorbei war, ist das Thema auch wieder vom Tisch. Ich hatte Politik in der Schule auf Englisch, weil der Unterricht bei uns bilingual war. In der Siebten und Achten, immer zwei Stunden. Es ging um die verschiedenen politischen Systeme in ganz Europa, das war für mich sehr abstrakt. Ich war mehr mit Vokabelnlernen beschäftigt als mit dem Verstehen. Ich habe eigentlich mehr im Religionsunterricht über das politische Geschehen gesprochen. Es war nicht Teil des Unterrichtsplans, da hat der Lehrer Eigeninitiative gezeigt. Als ich direkt nach dem Abi das erste Mal wählen konnte, habe ich mich überhaupt nicht darauf vorbereitet gefühlt, eine politische Entscheidung zu treffen. Ich musste mir mein Wissen am Ende selbst aneignen und habe das dieses Mal vor der Bundestagswahl auch wieder getan.“ 

Als mein ältester Freund Schülersprecher wurde, mehr so aus Versehen, konnten wir die lang geplante Schulparty umsetzen. Drei Floors, 600 Gäste, sogar Alkohol setzten wir durch. Ich glaube, es gibt die Party heute noch. Gute Demokratie, waren wir uns nachts um drei einig, bevor wir auf­räumen mussten. Professor Vehrkamp fordert deshalb mehr praktische Projekte an den Schulen. „Wir haben super Erfahrungen gemacht mit Ansätzen wie dem Schüler­budget“, sagt er. Dabei bekommen die Schüler zum Beispiel 10.000 Euro zur Verfügung gestellt. Dann müssen sie demokratisch entscheiden, was sie damit tun wollen. Mehr Fahrradständer oder doch lieber eine Party? Auch junge Menschen seien durchaus fähig, sich zu organisieren. Aber es muss um etwas Greifbares gehen, sagt Vehrkamp.  

Die Theorie sah bei uns ein bisschen anders aus. Herr Banholzer gab sich einigermaßen Mühe, und natürlich lernten wir irgendwie, und wenn nur für die Klausur, wer genau den/die Bundeskanzler/in wählt, wie ein Gesetz zustande kommt und was eine Gewerkschaft ist. Aber was das mit uns zu tun hatte? Das war allen ziemlich egal. Eben auch, weil das alles sehr fern war, sehr abstrakt. Das ist bis heute so, sagt Viktoria, 16 Jahre alt. Sie kommt gerade in die elfte Klasse eines Gymnasiums in München. In der zehnten hatte sie eine Stunde Sozialkunde (in der Oberstufe steht auch jeweils nur eine Stunde Sozialkunde im Lehrplan) .

Welche Bildung kann wichtiger sein als die, die erklärt, wie wir zusammenleben?

„Das war viel, viel zu wenig. Das sagen alle, auch die Lehrer“, erzählt sie. „Wir haben das Wahlrecht auswendig gelernt. Ich weiß jetzt ganz genau, wie ich einen Wahlzettel ausfülle. Aber echte Politik? Aktuelles? Programme der Parteien? Nichts davon.“ Immerhin sind sie und ihre Mitschüler, wie viele zehnte Klassen in Bayern, nach Berlin gefahren. „Da haben wir den Bundestag angeschaut und das Jüdische Museum. Das war sehr gut.“ Ansonsten aber fehlt die demokratische Praxis. Außer der üblichen SMV-Wahl gab es keine Projekte zu Politik, wie Vehrkamp sie fordert. „Dafür ist keine Zeit. Stattdessen haben wir im Vergleich viel zu viel Mathe und anderes, was ich nicht so wichtig finde wie Sozialkunde.“ Viktoria hat das Gefühl, sie kennt sich theoretisch aus, praktisch aber nicht. Und was ein Bundestagsabgeordneter wirklich macht, was Politik heute wirklich bedeutet, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – das hat ihr keiner beigebracht. Trotzdem ist sie im Vergleich zu Dennis noch privilegiert. Er ist nicht nach Berlin gefahren, sondern nach der neunten Klasse von der Hauptschule abgegangen. Wer erklärt ihm jetzt, was „die da oben“ in Berlin wirklich tun?

Ich habe Glück. Mein bester Freund ist Büroleiter einer Bundestagsabgeordneten. Wir kennen uns vom Studium. Um so jemanden kennenzulernen, muss man also erst einmal studieren, oder mit ihm Fußball spielen, aber studieren ist besser. Dass Dennis, der Nichtwähler, einen Büroleiter aus dem Bundestag kennenlernt, ist eher unwahrscheinlich. Ihm kann niemand aus erster Hand erzählen, wie Ausschüsse funktionieren, Mehrheiten organisiert werden und wie die Merkel intern den Laden zusammenhält. Seit ich diese heiße Quelle ins Innere der Macht habe, checke ich Politik viel besser. Rege mich nicht mehr so leicht auf, wenn ein Politiker irgendwo was Sinnloses sagt. Sondern überlege: Was steckt dahinter? Das hilft. Das bindet enger an ein System, das sonst ein gesichtsloses Monster sein kann, vor allem wenn man sich von ihm schlecht behandelt fühlt.

Und deshalb, denke ich, müsste zumindest die Klassenfahrt nach Berlin absolute Pflicht sein. Und zwar nicht nur für Viktoria, sondern auch für Dennis, für alle Schüler auf allen Schulen. Die Stadt ist eh hinreichend unterhaltsam für 16-Jährige, aber da steht halt auch unser Parlament. Also: hingehen, anschauen, toll oder langweilig finden. Aber eben besser verstehen. Dass nur eine kleine „Elite“ wirklich mal sieht, wie Politik gemacht wird, kann ja nicht sein.

Was also tun? So simpel es klingt, es gibt nur eine Antwort: mehr. Mehr Unterricht, mehr Projekte, mehr Exkursionen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, welche Art von Bildung wichtiger sein könnte als die, die mir erklärt, wie wir hier eigentlich zusammenleben. Ein oder zwei Stunden, maximal drei Jahre lang – das ist lächerlich wenig, wenn man bedenkt, wie viel Mathe man im Laufe eines Schullebens hat. Und wie viel man davon nachher noch braucht. Manche werden Ingenieure oder Mathematiker, okay. Aber alle, wirklich alle werden Bürger. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal so etwas Staatsbürgerliches fordern würde. Herrn Banholzer würde das gefallen. 

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