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Alex und Nicolai wollen das Lernen mit Youtube revolutionieren

Mit "The Simple Club" haben sie schon mehr als eine Million Abonnenten.
Von Quentin Lichtblau
  • simple club cover
    Foto: Fabian Zapatka

Der Versuch einer Definition des Sozialismus beginnt mit zwei niedlich animierten Männchen: Links ein lächelnder Typ mit Zylinder, weißem Schal und Spazierstock im Geldscheinregen, rechts einer in zerissenen Klamotten und mit Wut im Gesicht, über ihm eine Sprechblase: "Yo, Diggi, gib' mal was ab!" Eine Stimme im Morningman-Tonfall kommentiert: „Es soll nicht einen brutal Reichen geben und dafür einen, der 20 Stunden täglich arbeiten muss und komplett am Hungertuch nagt.“ 

So sehen laut der Youtube-Lernplattform „The Simple Club“ die Ursprünge des Sozialismus im 19. Jahrhundert aus. Das Video darüber dauert dreieinhalb Minuten. Gegründet haben „The Simple Club“ Alexander Giesecke und Nicolai Schork, im Gründungsjahr 2011 selbst noch Schüler und heute, mit Anfang 20, erfolgreiche Unternehmer mit eigener App und mehr als einer Million Abonennten.

 „In der 11. Klasse haben wir gemerkt, dass unsere Mitschüler auf Youtube nach Videos zu Themen suchen, die sie im Unterricht nicht verstanden haben. Die Erklärvideos damals waren aber grober Schrott, 60-jährige Lehrer vor einem Whiteboard, mit miesem Equipment gefilmt und gähnend langweilig“, erzählt Alexander am Telefon. Und da die beiden in Mathe sowieso überdurchnittlich gut waren, begannen sie, kleine Videos unter dem Namen „The Simple Maths“ zu produzieren. Der Kanal ging durch die Decke, die beiden wurden Teil des Youtuber-Vermarkters „Mediakraft“, verantwortlich für Youtuber-Riesen wie LeFloid oder die Lochis.

Nach drei Jahren Mathematik kamen 2014 die Fächer Biologie, Chemie, Erdkunde und Geschichte hinzu, jeweils mit eigenem Kanal. Heute betreiben die beiden zehn Kanäle, haben über 1300 Videos produziert und versuchen sich mittlerweile auch an Uni-Inhalten in Informatik und Maschinenbau. In diesem Jahr haben sie die eigene App auf den Markt gebracht, die den Usern Pakete aus Videos und Übungsaufgaben zusammenstellt. Die Richtung ist klar: Wachsen, Expandieren, die eher spärliche Konkurrenz ausschalten – ohne dass dabei der „Moin, wir sind's“-Charakter der Videos verloren geht.

Alexander und Nicolai leihen den Videos zwar noch ihre Stimmen und gelegentlich auch ihre McFit-Model-Gesichter, die Kanäle werden jeweils von einem Autorenteam betreut, das für das Verfassen der Texte verantwortlich ist. Dazu kommt ein weiteres Team von Motion-Designern im Berliner Firmenstitz, das die Animationen erstellt – und fertig ist der Clip. „Unser Produktions-Management läuft mittlerweile vollautomatisch, wir arbeiten alle extrem remote von unserem jeweiligen Wohnort aus“, erklärt Alexander in feinstem Start-up-Deutsch.

Schleichen sich da nicht oft Fehler ein? Alexander verneint: Man habe zwar früher mehr Zeit in Kontrolle investiert, seit aber die Autoren eigenverantwortlich arbeiten, sei die Fehlerquote niedriger, da jeder sich seiner Verantwortung bewusst sei. „Unser letzter echter Fehler war, dass in einem unserer Geschichts-Videos im Hintergrund eine Waffe zu sehen war, die in der besprochenen Epoche noch nicht erfunden war“, sagt Alexander.

"Die Schüler sagen: Der Unterricht heute war schlecht, ich habe nichts verstanden, deswegen gucke ich jetzt was, das cooler ist"

Außerdem spreche der Erfolg für sich: Alexander berichtet von tausenden Nachrichten dankbarer Schüler. Erst vor ein paar Wochen habe er auf Twitter ein Foto von einem an einer Schule angebrachten Transparent erhalten. „Ohne The Simple Club wären wir gar nicht hier“, habe darauf gestanden.

Sieht er sein Projekt dabei manchmal als echte Konkurrenz zum guten, alten Frontalunterricht? „Das Problem ist: Das Schulsystem ist momentan einfach nicht optimal und orientiert sich nur selten an dem, was die Forschung über effizientes Lernen herausgefunden hat. Dadurch positionieren wir uns automatisch gegen die Schule, ohne das eigentlich zu wollen. Die Schüler sagen: Der Unterricht heute war schlecht, ich habe nichts verstanden, deswegen gucke ich jetzt was, das cooler ist“, sagt Alexander. 

Selbst sieht er „The Simple Club“ eher als Ergänzung. „Erst wenn die Schüler heimkommen und lernen müssen, wollen wir für sie da sein, dann aber richtig. Aber klar: Langfristig wollen wir schon auch zu einer Verbesserung in der digitalen Bildung an sich beitragen.“

Was machen die Lehrer denn bisher falsch? „Ich glaube, das ist gar nicht so sehr der Unterschied von analog und digital. Was wir, mal ganz pauschal gesagt, einigen Lehrern voraushaben, ist unsere Fähigkeit, die Perspektive der Schüler einzunehmen. Viele Lehrer sind fachlich gut, es fehlt ihnen aber schlicht an diesem Blickwinkel.“

 

"Was solchen Formaten fehlt, ist eine echte Auseinandersetzung der Zuschauer mit den Inhalten, die kritisches Denken anregen könnte."

Perspektive der Schüler heißt laut Alexander: Die Dinge so erklären, wie man sie einem guten Kumpel erklären würde. Das sei eigentlich das ganze Geheimnis.

Doch das ist eine Untertreibung. Im Gegensatz zum deutschen Durchschnittslehrer stehen hier eben auch zwei junge Entertainer mit Undercut und dicken Oberarmen, die offenbar eine wirksame Balance aus dem leicht nervigen Youtuber-Gaga-Sprech und Wissensvermittlung gefunden haben. Zwei Typen, die 15-Jährige cool oder eben auch heiß finden können. Und deren Videos sie wahrscheinlich sogar schauen, wenn sie gerade gar kein Problem im jeweiligen Fach haben. Ein zweites Geheimnis ihres Erfolgs ist außerdem: Das Konzept funktioniert nur, so lange das deutsche Bildungssystem so schlecht bleibt, wie es ist.

Kann man The Simple Club also doch als den perfekten Gegenentwurf zum Schulunterricht verstehen? Wenn dem so wäre, würden sich die Schüler auf jeden Fall eine Menge Zeit sparen können: Die Videos erklären nicht nur den Sozialismus in drei Minuten, auch für das Thema Ableitungen reichen – zumindest für die Grundlagen – sechs Minuten, die Photosynthese ist in knapp sieben Minuten abgehandelt. Aber kann man so komplexen Themen wirklich gerecht werden?

Die Lernwissenschaftlerin Sara Laybourn von der LMU München hat ihre Zweifel: „Was solchen Formaten fehlt, ist eine echte Auseinandersetzung der Zuschauer mit den Inhalten, die kritisches Denken anregen könnte. Der Ansatz der Videos ist meist: Wir erklären euch das, so ist das. Gerade in Fächern wie Geschichte fehlt da der Austausch und damit Möglichkeit, über das Gehörte zu verhandeln." In diesem Punkt verweist Alexander auf die neue App, hier gäbe es ja die Fragebögen, die den Schüler durchaus auch zu einer eigenen Auseinandersetzung mit den Inhalten animierten – wenn sie denn gewillt sind, dafür zu bezahlen.

Neben der eher einseitigen Wissensvermittlung sieht Laybourn aber auch Vorteile: „Natürlich sind diese Videos auch eine gute Ergänzung: Ich kann als Schüler vor- und zurückspulen, finde zu nahezu zu jedem Thema eine kompakte Erklärung, kann meine eigenen Schwerpunkte setzen.“ Diese Möglichkeit zur „Selbststeuerung“ könne eine Motivation auslösen, die dem normalen Lernalltag fehle.

Was aber auch fehle: die Anwesenheit einer Kontrollinstanz. Natürlich könne man als Schüler einen Nachmittag lang auf der Couch die Grundlagen der Stochastik wegbingen, ob man dabei allerdings immer ganz bei der Sache sei, bliebe jedem selbst überlassen. Laybourn empfiehlt das Format daher eher älteren Schülern, die bereits über eine gewisse Eigenverantwortung beim Lernen verfügen. Außerdem störe sie sich persönlich an der kumpeligen Sprache. Aber das nähmen 14-Jährige sicher anders war.

Andere Akademiker sehen das nicht ganz so locker: „Wir werden oft von Leuten auf Uni-Niveau kritisiert“, sagt Alexander. „Die sagen, dass wir mit unserer Ausdrucksweise didaktisch reduzieren. Das ist allerdings Absicht, schließlich machen wir das ja für Schüler und junge Studenten. Und die wollen eben nicht hören ,Das ist der Graph der Funktion', sondern ,Und so sieht die Funktion aus'. Für einen Uni-Prof ist die zweite Aussage eben falsch.“

Der Kumpelton könne den beiden Simple-Club-Gründern allerdings auch selbst zum Verhängnis werden. Alexander spricht von einer sogenannten Youtuber-Falle: „Wenn Typen auf Youtube zu alt werden, gehen ihre Brands unter.“

Man möchte ihnen dringend empfehlen, dann eben die Seite zu wechseln, sich im Bildungssystem breitzumachen, ihren Ansatz direkt an den Schulen zu etablieren, Lehrkräften Nachhilfe anzubieten – im Fach Entertainment. Alexander und Nico haben allerdings erstmal andere Pläne: In den nächsten Monaten wolle man die Märkte in den USA und Indien erschließen.

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