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Horror-Mitbewohner: Die Katzenfrau

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Aus der jetzt-Redaktion
  • mitbewohner from hell katzenfrau cover
    Illustration:Daniela Rudolf

Wohnsituation: Zweier-WG, fünfter Stock, mit Wohnküche

 

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: weiblich, 23 Jahre

 

Horror-Titel: „Haariger Schlamassel“

 

Horror-Stufe: 5 von 10

 

Der Horror

 

Da saßen wir also in einem Münchner Café, meine zukünftige Mitbewohnerin und ich. Wir kannten uns von der Uni und hatten die Woche davor beschlossen, zusammen in eine Wohnung zu ziehen. Eine Sache wäre da noch, meinte sie, nämlich die, dass sie zwei Katzen hätte und diese gerne mit in die Wohnung nehmen würde. Klar, meinte ich, ich bin mit Katzen aufgewachsen und mag diese Tiere.

 

Was hätte ich auch anderes sagen sollen? Ich wollte das mit der Wohnung nicht platzen lassen, außerdem war mir meine zukünftige Mitbewohnerin sehr sympathisch. An den Katzen sollte es also nicht scheitern. Trotzdem: Ganz wohl war mir nicht.

 

Einen Monat später standen wir im Gang unserer neuen Wohnung. Die Katzen, genauer: ihre beiden Kater, trug sie im Katzenkörbchen unterm Arm. Eine davon war dick, die andere weniger dick. Die Wohnung hatte zwei große Zimmer, Küche, Bad, Toilette. Für zwei Menschen ziemlich geräumig, vorausgesetzt, dass wir die Wohnung jederzeit verlassen konnten. Für zwei Katzen, die ihr Leben ab sofort auf 70 Quadratmetern verbringen sollten, war es ein Knast. „Ganz viel Platz zum Spielen“, nannte meine Mitbewohnerin das.

 

Am Anfang fand ich es süß, beinahe rührend, wie sie mit ihren Katzen umging. Wenn wir rauchend in der Küche saßen, ließ sie mindestens eine der beiden auf ihrem Schoß Platz nehmen und kraulte sie. Wenn sie ein Brot mit Wurst aß, gab sie ihnen von der Wurst ab. Wenn sie zur Tür hereinkam und die Katzen sie begrüßten, stieß sie quiekende und jauchzende Laute aus, klanglich nah am Tamagotchi oder einem anderen Fantasiewesen.

 

Auf dem Boden unserer Wohnung bildeten sich Wölkchen aus Katzenhaar, die mit der Zeit zu stattlichen Büscheln wurden

 

Schon nach ein paar Wochen merkte ich aber, dass ihre Liebe zu den Katern eine sehr eindimensionale war. Sie genoss es, sie zu herzen, mit ihnen auf dem Sofa zu liegen, ihnen Wollknäuel zuzuwerfen. Sie aber zu bürsten, ab und an das Katzenklo zu säubern, das war ihr zuwider. Mehr noch: Sie tat es einfach nicht. Auf dem Boden unserer Wohnung bildeten sich deshalb kleine Wölkchen aus Katzenhaar, die nach einer gewissen Zeit zu stattlichen Büscheln wurden. Das Katzenklo wiederum entwickelte einen Geruch, der einem bei Betreten der Wohnung bleiern in die Nase stieß.

 

Ich gebe zu: Ich hatte schon mit den Namen der beiden Tiere ein Problem. „Bobby“ und „Wuschel“ schienen mir nicht nur überschaubar originelle, sondern sehr dumme Namen zu sein. Wenn ich Bobby Bobby nannte und Wuschel Wuschel, klang das in meinen Ohren, als würde ich sagen: Herpes und Hornzipfel. Nein, ich musste neue Namen finden, um die Beiden anzusprechen, wenn meine Mitbewohnerin nicht im Raum war. Fortan nannte ich die dicke Katze also „Adiposikatz“, die weniger dicke „Herr Mayer“. 

An sich waren mir die Beiden grundsympathisch. Die Adiposikatz verbrachte den Großteil des Tages schlafend, zwischendurch fraß sie reichlich, und wenn sie ihr Mahl vertilgt hatte, streunte sie durch die Wohnung, um einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Herr Mayer war dagegen ein Asket. Er fraß nur, was die Adiposikatz ihm übriggelassen hatte, tollte über die Couch, sprintete mehrmals täglich über den Gang und schien sich damit zu begnügen, auf dem begrenzten Raum nach der größtmöglichen Freiheit zu suchen.

 

Bei aller Katzensympathie blieben mir Herr Mayer und die Adiposikatz immer ein wenig fremd. Dabei ist es nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Vielleicht, dachte ich, sollte ich das Gespräch suchen. Auf die Beiden zugehen, ein wenig plaudern. Doch egal, welchen Gegenstand ich zum Thema ersann – Fußball, Politik, das Wetter –, sie erwiderten meine Versuche stets nur mit Katzengewäsch, „Maunz“ und „Miau“.

 

Das Verhalten meiner Mitbewohnerin nahm derweil immer absurdere Züge an. Ab dem Tag, als sie einen Freund hatte, überließ sie ihm das Säubern des Katzenklos. War er mal ein paar Tage nicht da, in denen der Geruch aber immer penetranter wurde, rief sie einen Kommilitonen an, der die Sache regeln sollte.

 

Katzenhaare an den Socken, Katzenhaare in den Shorts

 

Wenn einer der beiden Kater – meist war es die Adiposikatz – in den Gang kotzte, reagierte sie oft nicht auf meine Bitte, das Erbrochene wegzumachen. Stattdessen wartete sie, bis ihr Freund oder ihr Kommilitone kamen. Einmal kotzte sie selbst neben den Katzenhaufen. Sie könne den Geruch nicht ertragen.

 

Mit der Zeit verspürte ich mehr und mehr das Bedürfnis, mal wieder in Socken durch die Wohnung zu laufen, ohne ein Büschel Katzenhaare mit mir zu tragen. Wollte meine Wäsche aufhängen, ohne Katzenhaare aus den Shorts zu friemeln. Wollte Freunde einladen, ohne mich für den Ammoniakdunst zu entschuldigen.

 

Also bin ich ausgezogen. Meine damalige Mitbewohnerin und ich haben trotzdem Kontakt gehalten. Nachdem sie mir ein paar Jahre später am Telefon erzählt hatte, dass die Adiposikatz – Verzeihung: Bobby – gestorben war, flüsterte ich ein leises „Miau“ in den Himmel. Herr Mayer lebt heute im Schwarzwald, bei neuen Besitzern in einem Haus mit Garten. Für Fußball, so mein Stand, interessiert er sich nach wie vor nicht. Doch es heißt, dass er mehrmals täglich durch den Garten sprintet.

 

Da unser Autor nach wie vor mit seiner früheren Mitbewohnerin befreundet ist, veröffentlichen wir diesen Text anonymisiert. Er ist der Redaktion aber bekannt. 

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